|
Der "Tolle Christian" wurde am 20. September 1599 auf dem
halberstädtischen Schlosse Groningen an der Bode geboren. Sein Vater, ein
strenger, ernster und tatkräftiger Mann, war der Herzog Heinrich Friedrich
von Braunschweig-Wolfenbüttel, seine Mutter eine Schwester des Dänenkönigs
Christian IV. Der ältere Bruder Christians, Friedrich Ulrich, trat 1613 das
väterliche Erbe an. Christian selbst wurde mit 17 Jahren vom Domkapitel zum
Bischof von Halberstadt gewählt. Im folgenden Jahre erwarb er die Abtei
Michelsstein und Propstei am Dome zu St. Blasien in Braunschweig. Der Kaiser
aber, der sich auf den Augsburger Religionsfrieden von 1555 stützte,
weigerte sich, die Wahl anzuerkennen. Trotzdem wurde Christian Administrator
von Halberstadt und bezog die Einkünfte der Propstei. Er sah in diesen
Pfründen ein Mittel, seinen Neigungen nachzugehen und Krieg zu führen.
Gegen den Kaiser
Als der Dreißigjährige Krieg ausbrach, weilte Christian bei dem Prinzen von
Oranien. Hier führte er ein ausschweifendes Leben, und seine Mittel gingen
daher bald zu Ende. Um seine finanzielle Lage zu verbessern, bot er schon zu
Lebzeiten des Königs Matthias den Böhmen seine Hilfe an gegen den Kaiser
Rudolf II. Da man aber seine zu hohen Forderungen ablehnte, trat er in
holländische Dienste und machte als Dragonerhauptmann im Jahre 1620 eine
Expedition in das Gebiet Friedrichs V. von Kurpfalz mit, der als König der
Böhmen nur einen Winter lang regieren sollte und sich an die Spitze der
Union stellte. Nach der Schlacht am Weißen Berge bei Prag am 8. November
1620, in der die katholische Liga über die evangelische Union siegte, war
Friedrich V. über Schlesien und Brandenburg nach Holland geflohen, wo auch
Christian von Braunschweig mit ihm zusammentraf. Zu der Gemahlin Friedrich
V., der schönen Pfalzgräfin Elisabeth, fasste der "Halberstädter" eine
schwärmerische Liebe, obwohl sie seine leibliche Tante war. Er hatte
geschworen, nicht eher zu rasten, bis sie wieder Königin von Böhmen sei. Von
15 neuen Fahnen, die er in Magdeburg herstellen ließ, zeigten 10 die
Inschrift "Zurückerobern oder sterben", und 5 die Worte "Alles für Gott und
für Sie" (die Winterkönigin).
Friedrich V. gab ihm ein Patent, das ihn berechtigte, eine Anzahl Reiter-
und Fußtruppen zu werben. Christian ließ darum auch in Westfalen die
Werbetrommel rühren und mit List und Gewalt wurden die jungen Bauernburschen
entführt. Der Sammelpunkt für die geworbenen Truppen war Hessen-Kassel.
Seinem Bruder hatte er schnellen Durchzug durch dessen Gebiet versprochen.
Da die Söldner aber trotzdem raubten und plünderten, zog der Bruder gegen
sie ins Feld und schlug sie. Wenige Söldner retteten sich zur Reiterei nach
Bielefeld.
Von Bielefeld wandte sich Christian nach Hessen-Darmstadt, das unter
kaiserlichem Schutz stand, wurde dort aber zurückgeschlagen. Um den
Erzbischof Ferdinand von Köln, der für seine Person und als Bruder des
Kurfürsten Maximilian von Bayern, der das Haupt der katholischen Liga war,
zu den heftigsten Gegnern Friedrichs V. (des Winterkönigs) gehörte zu
schädigen, so schlug er seine Winterquartiere im Bistum Paderborn auf, das
seit 1618 zu dessen Pfründen zählte.
In Lippstadt
Ende Dezember 1621 rückte Christian in das Hochstift Paderborn ein und bezog
Quartiere in der Warburger Börde. Seine Truppen durchstreiften von dort aus
nach allen Seiten das Land nach Unterhalt und Beute. Am 2. Januar 1622
erschien eine Truppe von 300 Reitern seines Heeres vor den Toren der Stadt
Lippstadt und verlangte Einlass. Ohne Kampf rückte der Oberstleutnant Graf
Hermann Otto von Stirum mit seinen Reitern über den zugefrorenen Stadtgraben
in die Stadt ein. Mit Hilfe der Bürger wurde die nur etwa 40 Mann zählende
spanische Besatzung mit samt ihrem Hauptmann überwältigt und größtenteils
gefangen genommen; nur wenige konnten vielleicht fliehen. Zwölf Kanonen und
reiche Vorräte fielen den herzoglichen Truppen in die Hände. Zwei Tage
später erschien Herzog Christian selbst und machte Lippstadt zu seinem
Hauptquartier. Von hier aus konnte er bequem in die benachbarten Bistümer
einfallen, denn Lippstadt, auf der Grenze gelegen, war hierfür ein idealer
Aufmarsch- und Verteidigungsplatz. Seine Scharen, die immer zahlreicher
wurden, zogen von hier aus in alle Richtungen, um zu plündern und zu
brandschatzen.
Am 3. Januar erschien der braunschweigsche Obristlieutenant mit seinen 300
Reitern auch vor der Stadt Soest, um diese in Besitz zu nehmen. Die Soester
Bürger waren aber nicht zu bewegen, eine braunschweigsche Besatzung
aufzunehmen. Raubend und plündernd durchzogen diese Scharen dann die
fruchtbare Soester Börde und zerstörten viele Kirchspiele; andere mussten
hohe Kontributionen zahlen. Um diesem wüsten Treiben zu beendigen, ging die
Stadt Soest und die Börde einen Vergleich mit Christian ein. Die Stadt Soest
zahlte 3000, die Börde 1000 Thaler. Christian versprach, in Zukunft dieses
Gebiet zu verschonen.
In Soest
Ungeachtet dieser Abmachungen rückte Herzog Christian dann am 20. Januar
1622 mit 2000 Reitern und etwa 8000 Mann zu Fuß abermals in die Soester
Börde ein. Nachdem er die Dörfer Sassendorf, Opmünden und Elfsen in Brand
gesteckt hatte, erschien er vor Soest. Es kam zu heftigen Kämpfen und
zweimal wehrten die Soester einen Sturmangriff ab. Nach Sprengung des
Osthofener Tores und Ausbruch eines Brandes sah sich der Magistrat aber
genötigt, die Stadt zu übergeben. Es gelang unter leidlichen Bedingungen ein
Abkommen zu schaffen. Trotzdem erlebte die Börde abermals neue Plünderungen.
In Soest fiel dem Herzog auch der Paderborner Domschatz im Werte von 330 000
Thalern, der dem Propst des Patroklistiftes zur Aufbewahrung anvertraut war,
in die Hände. Am 5. April erbeutete er im Hof des Klosters Olinghausen den
gewaltigen Erbschatz des verstorbenen Bischofs von Paderborn, Dietrich von
Fürstenberg. Dieser bestand aus 50 Zentnern Silber an Reichtsthalern, 63
Säcken in Gold, jeder im Werte von 500 Reichsthalern, und vielen anderen
wertvollen Kunstgegenständen aus Gold und Silber.
Von Soest aus unternahm Christian ebenfalls viele Raubzüge u. a. bis
Körbecke, Warstein und Kallenhardt. Viele Städte suchten sich durch teuer
erkaufte Schutzbriefe zu retten, die aber nachher meistens nicht gehalten
wurden.
In Lippstadt ließ er derweil unter Leitung niederländischer Baumeister die
alten Befestigungsanlagen der Stadt ausbessern, wogegen er die benachbarte
feste Burg Lipperode niederreißen ließ. Am 4. Januar verlangte er auch in
Geseke Winterquartier, ließ sich aber am 15. Januar vorläufig mit 1500
Thalern beschwichtigen. Dafür war aber zunächst die benachbarte Gegend an
der Reihe: In Störmede, Ehringhausen, Mönninghausen, Langeneicke, Esbeck,
Dedinghausen und Rixbeck wurde gebrandschatzt, Pferde, Getreide und
Gerätschaften aller Art geraubt und weggeführt. Die Eingesessenen des
Gogerichts Geseke gebrauchten naturgemäß Repressalien, wodurch gegenseitige
Beschwerden hervorgerufen wurden. So klagten dann später die fürstlichen
Räte in Paderborn, dass die Lippstädter 200 Mann stark ins Stiftsgebiet
eingefallen seien; dieselben hätten namentlich die Bewohner von
Mettinghausen vergewaltigt, das Wachthaus zugrunde gerichtet und die
Schanzen eingerissen.
Um Paderborn
Am 28. Januar 1622 erschien vor den Toren von Paderborn der Kapitän
Neuhoff mit einer Truppe Halberstädter und verlangte Einlass. Die Stadt war
wohl befestigt mit Mauern und Schanzen und wurde verteidigt von 300
kurfürstlichen Soldaten und 600 waffenfähigen Bürgern. Die Stadt wurde
weiterhin verstärkt, aber die Bürgerschaft war uneins, zudem fehlte ein
erfahrener Befehlshaber. Aus diesem Grunde wurde eine Kompanie Fußsoldaten
des Kapitäns Neuhoff aufgenommen, nachdem die kurkölnische Besatzung vorher
abgezogen war. " Als Christian davon hörte, zog er eilig von Lippstadt nach
Paderborn und hielt dort mit großem Gefolgte am 30. Januar feierlich seinen
Einzug. Die Einwohner jubelten ihm zu und schworen dem Erzbischof von Köln
ab. In Paderborn fand Christian ebenfalls reiche Beute; und das kostbarste
Stück war der vergoldete Silberschrein des hl. Liborius, an dessen
Seitenwänden die Bildnisse der zwölf Apostel angebracht waren. Er wog ca.
800 Pfund und war mit kostbaren Steinen reich besetzt.
 |
Am 6. Februar zog Christian wieder nach Lippstadt, wohin er die geraubten
Schätze mitnahm. Hier ließ er aus dem Libori-Schrein Münzen prägen, die sog.
"Pfaffen-Thaler", die auf der Rückseite den Text trugen: "Gottes
Freund, der Pfaffen Feind".
|
 |
Die reichen Schätze, die er erbeutet hatte, ermöglichten es ihm dann auch,
ein größeres Söldnerheer anzuwerben, das bedeutend stärker war als das
ligistische Heer, das unter dem Unterfeldherrn Dietrich Ottmar von Erwitte
stand. Von allen Seiten strömten Abenteurer, Müßiggänger und brotlose
Söldner zum Heere Christians, um unter den Fahnen des 23jährigen Generals,
von dessen seltsamen Leben und wunderlichen Kriegsabenteuern sie gehört
hatten, ihr Glück zu machen. So finden sich auch westfälische und
niedersächsische sowie kölnische Adelige im Heere des "Tollen Christian".
Vor Geseke
Obwohl Christian jetzt über eine größere Armee verfügte als der ligistische
General Graf von Anhalt, so fügte ihm dieser doch beträchtliche Verluste
bei. Am 5. März entsetzte der Oberstleutnant Dietrich Ottmar von Erwitte,
Erbherr auf Ebbinghausen, einer der tapfersten und geschicktesten Offiziere
im Heere Anholts, mit 1000 Reitern und einigen hundert Fußsoldaten nach Geseke.
Trotz der Kontribution von 1500 Talern, mit welchen Geseke sich im Januar
zunächst freigekauft hatte, waren von Christian 300 Bewaffnete ausgeschickt
worden, um die Stadt zu überrumpeln. Schon waren diese eingedrungen und
drohten der Stadt mit Feuer und Schwert, als die Kölnischen zur Nachtzeit
unter Mithilfe der Rüthener Bürger die Mauern erstiegen, die Tore öffneten
und die Braunschweiger verdrängten. Dietrich Othmar zog dann weiter über
Büren und Brenken ins Warburgische, um Warburg wieder zu erobern.
Gegen Dietrich Ottmar von Erwitte
Von Paderborn aus, wo er zwischenzeitlich wieder hingezogen war, kam der
"Tolle Christian" nun wieder zurück und rüstete sich zum Ansturm auf Geseke.
Dorthin war auch Dietrich Ottmar von Erwitte am 23. März mit 1000 Reitern
und einigem Fußvolk zurückgekehrt. Christian meinte nun alles aufbieten zu
müssen, den gerade nicht festen Platz einnehmen zu müssen, bevor weitere
ligistische Verstärkungen eintrafen. Am 4. April schlug er mit 24 Kompanien
Reiter, 10 Fähnlein Fußvolk und vier halben Kartaunen, welche er von Neuhaus
heranschaffen ließ, vor dem Steintore an der Südseite der Stadt sein Lager
auf. Die Stadt Paderborn musste 6000 Pfund Brot, 2000 Pfund Speck und 10
Wagen mit Bier hierher schicken, wovon auch bereits am 7. April ein Teil
geliefert wurde. Mit großem Eifer begann Christian die Belagerung von Geseke
und leitete selbst Angriffe und Sturm; sein Hauptquartier hatte er auf dem
Hause Störmede. Aber Dietrich Ottmar von Erwitte verteidigte die Stadt mit
größtem Geschick, die Besatzung war tapfer und die Bürger selbst zur
namhafter Gegenwehr bereit. Auch in den Friedenszeiten hatten diese die
Übung mit den Waffen nicht vernachlässigt. Besonders hatte die schon seit
Beginn des 15. Jahrhunderts bestehende Sebastianus-Schützenbruderschaft an
der Petrikirche der heranwachsenden Jugend Gelegenheit gegeben zur
kriegerischen Ausbildung, die sich bereits in den truchsessischen Wirren
bewährt hatte. Aufs neue bewährte die Bürgerschaft jetzt ihren alten Ruf der
Wehrhaftigkeit. Sie kämpfte hier um ihr Leben, denn Christian hatte gedroht,
kein Kind in der Wiege verschonen zu wollen. Tag und Nacht hielten die
Eingesessenen gemeinsam mit den Soldaten auf den Wällen Wache und wenn die
Alarmsignale erklangen, eilte alles herbei.
Sturm auf Geseke
Gleich am ersten Tage feuerten die braunschweigschen Kanonen in die Stadt,
und in der folgenden Nacht wurde ein Laufgraben aufgeworfen. Am 5. April
erfolgten zwei Sturmangriffe, die aber beide mit Erfolg abgeschlagen wurden.
Herzog Christian forderte nunmehr die Stadt nochmals zur Übergabe auf, indem
er Dietrich Ottmar zugleich einen ehrenvollen Abzug zusicherte. Der aber
erwiderte ihm, er sei gesonnen, "bis auf den letzten Mann zu fechten". In
der Nacht vom 6. zum 7. April nochmals besonders unternommene Anstrengungen
schlugen ebenfalls fehl. Nachdem die Befestigungsanlagen durch das
Artilleriefeuer schon sehr mitgenommen waren, ließ Christian morgens um zwei
Uhr sein Heer von drei verschiedenen Seiten zum Sturm auf die Stadt
vorrücken. Über vier Stunden dauerte der Kampf, in dem Bürger und Soldaten
gleich gut fochten. Auch die Fahne der Schützenbruderschaft wurde in dieser
Nacht arg zerschossen. Selbst Weiber und Mägde sollen in dieser Nacht Mist
und Holz herbeigeschleppt haben, um die Steinpforte und andere beschädigte
Punkte auszubessern und kochendes Wasser, Pech und Schwefel, um es den
Feinden aufs Haupt zu schleudern. Es gelang den Braunschweigern zwar, durch
eine Bresche am Steintor, wo sie durch einen Hohlweg gedeckt bis nah an die
Wälle herangekommen waren, in die Stadt einzudringen, aber sie wurden wieder
hinausgedrängt.
Vier größere Sturmangriffe hatten die Belagerer bereits unternommen, und
mehr als 400 29pfündige Kanonenkugeln in die Stadt geworfen, wie eine alte
Chronik berichtet, und bereits gegen 1000 Mann an Toten und Verwundeten
geopfert; aber noch immer machte die Belagerung keine Fortschritte. Da ließ
der Herzog am 10. April durch einen Trompeter um Waffenstillstand
nachsuchen. Der Kommandant erwiderte spöttisch, noch seien nicht genug Tote
zu bestatten, es müssten zuvor noch mehr kommen. Endlich wurde aber doch
eine dreistündige Waffenruhe eingelegt. Auf eine nochmalige Aufforderung zur
Übergabe wurde ihm die Antwort zuteil, "er möge nur lustig kommen mit
rechtschaffenen Soldaten, der armen Bauern aber schonen". Herzog Christian
sah ein, dass er sich nicht länger vor Geseke behaupten konnte, da auch
schon Ersatztruppen aus dem Herzogtum Westfalen anrückten. So entschloss er
sich, die Belagerung von Geseke abzubrechen. Seine Geschütze befahl er nach
Salzkotten zu führen. Den Belagerten aber und ihrem tapferen Anführer
Dietrich Ottmar von Erwitte ließ er durch einen besonderen Trompeter seine
Anerkennung aussprechen und ferneres Glück und guten Morgen wünschen. Die
Besatzung von Geseke soll in diesen Tagen nur 6 Mann, vier Deutsche und zwei
Wallonen, verloren haben, von den Geseker Bürgern war niemand gefallen.
Die Abwehr dieses Angriffes gereichte der Stadt Geseke zu großem Ruhm und
wird bis auf den heutigen Tag mit einem Dankgottesdienst und einer großen
Prozession über die alten Wälle jährlich am 3. Sonntag nach Ostern feierlich
begangen.
Schon am Tage nach dem Abzuge des Herzogs Christians rückten 17 Kompanien
ligistischer Truppen in Geseke ein. Der Kurfürst, den man von der
glücklichen Abwehr der Feinde benachrichtigt hatte, drückte den Bürgern
seine Anerkennung aus, indem er zugleich die Hoffnung aussprach, sie würden
auch fernerhin "aufnötigen Fall an beständiger guter Kontinuation nichts
lassen ermangeln, der getrosten Zuversicht und Hoffnung, der Allmächtige
werde seinen Segen geben, dass diese Sachen unverlangt wiederum zum guten
Frieden und Wohlstand geraten mögen." Die fürstlichen Räte in Arnsberg
hatten auf eine Bitte um Unterstützung erwidert, die Beschwernis sei leider
so groß, dass sie nicht imstande seien, Abhilfe zu schaffen, man müsse alles
der Barmherzigkeit Gottes anheim stellen, welcher der Armen, Witwen und
Waisen Flehen nicht unerhört lassen werde. Der Landesherr scheint auf
gleiches Gesuch hin besseren Rat geschafft zu haben. Auf seine Anordnung
wurde bestimmt, dass fortan in Geseke nur ein Reiterkornet, etwa 70 Pferde,
verbleiben und bessere Ordnung innegehalten werden sollte. Der Obrist Leo
von Westphalen verordnete, dass seine Reiter sich mit Hausmannskost
begnügen, keinen Wein und Branntwein oder sonstige unnötige Bedürfnisse von
den Bürgern verlangen sollten; die Stadtschlüssel sollten bei Bürgermeister
und Rat verbleiben, die Eingesessenen aber zu sorgsamer Wacht angehalten
werden.
Rache für Geseke
Herzog Christian rückte mit seinen Truppen von Geseke aus in verschiedene
Richtungen ab und nahm schreckliche Rache für die vor der Stadt Geseke
erlittenen Niederlage. Ein Teil seines Heeres rückte wieder in die Warburger
Börde, belagerte vergeblich die Stadt Warburg und eroberte aber mehrere
andere kleine Städte und ließ mehrere Dörfer in Flammen aufgehen. Der andere
Teil seines Heeres zog den Hellweg entlang, verwüstete hier mehrere Orte.
Anröchte, Berge, Westernkotten, Overhagen und Erwitte sowie das Schloss des
Drosten von Werl wurden verheert und zum größten Teil durch den Brandmeister
David in Asche gelegt. Altengeseke, Menzel, Altenrüthen waren weitere
Dörfer, die zerstört wurden. Gegen Rüthen konnte der "Tolle" nicht viel
unternehmen, da die Stadt gut befestigt war und außer den Bürgern auch von
einer ligistischen Besatzung verteidigt wurde. Die fruchtbare Ebene am
Hellweg glich in kurzem einem öden, verlassenen Landstriche, berichtet der
Chronist.
Von Altenrüthen wird berichtet: Als die Braunschweiger vernahmen, dass die
ligistische Besatzung sich auf Ruthen zurückzog, zogen sie gegen Altenrüthen
und "weil das Dorf zur Stadt gehörte, in Feuer und Asche gelegt, dass wenig
Zimmer übrig blieben".
Von Anröchte ist überliefert, dass "25 mehrenteils wohlgebaute Wohnhäuser
zusambt 10 Spieckern und 4 Scheuern, alles voller Korn, Hausgeräte und
anderer Hausmannsnotdurft mit angestochen und in Asche gelegt und alles
verderbt und zunichte gemacht."
In Erwitte selbst lagen seit der Besatzung Lippstadts am 2. Januar bereits 1
- 2 Kompanien braunschweigsche Soldaten und Reiter, die die Bürger hart
bedrängten und von dort auch Raubzüge in die Nachbarschaft unternahmen. Nach
der dann erfolgten Verbrennung des Dorfes durch die anderen Truppen des
"Tollen Christian" blieb kaum ein Haus unversehrt. In diesen Tagen ging auch
das alte Könighofgebäude und die restlichen sechs zu diesem alten Haupthof
gehörenden Gebäude in Flammen auf. Als eines der wenigen überlebte wohl die
alte Kirchpforte aus dem Jahre 1444 und einige Häuser der engeren
Kirchhofsiedlung mit der Kirche diese Katastrophe. Wie hoch die genauen
Schäden waren, wird wohl nie einer richtig festgestellt haben. An diese
traurige Zeit erinnert noch heute ein alter Türsturz in lateinischer Sprache
an der Westseite der alten Scheune auf der Besitzung Kreilman.
Erwitte hat als mitteraltliches Dorf, dessen Anlage und Besiedlung
sicherlich noch ursprüngliche Elemente aufwies, in jenen schrecklichen Tagen
sein altes Gesicht verloren und wurde nachher wieder neu aufgebaut. Die
heute noch vorhandenen Straßen und alten Fachwerkhäuser im Ortskern reichen
in die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Dreißigjährigen Krieg zurück.
Alle diese Drangsale in unserer näheren Heimat waren aber nur der Anfang
einer Leidenszeit, die noch rund ein viertel Jahrhundert bis zum
Friedensschluss in Münster im Jahre 1648 dauern sollte. Der "Tolle
Christian" brach, von ligistischen General Graf Anholt im Sommer 1922 aus
Mittel-Westphalen vertrieben, in das Bistum Münster ein und verwüstete auch
dieses. Noch einmal drang Herzog Christian von Braunschweig von Holland aus
in Westfalen ein, wurde aber bei Stadtlohn im Jahre 1622 vom
ligistisch-kaiserlichen Feldherrn Graf Tilly geschlagen. In der zweiten
Periode des Dreißigjährigen Krieges trat er in die Dienste des Königs
Christian IV. von Dänemark. Aber schon am 6. Mai 1626 ereilte ihn, 27 Jahre
alt, in Wolfenbüttel der Tod.
An den erfolgreichen Verteidiger von Geseke, Dietrich Ottmar von Erwitte,
erinnern in Geseke und Erwitte heute
noch zwei Straßen, die seinen Namen tragen.
Nachstehendes altes Lied wussten unsere Großeltern noch zu singen:
"Horch Kind, horch
wie der Sturmwind weht
und rüttelt am Erker. -
Wenn der Braunschweiger draußen steht,
der fasst uns noch stärker.
Lerne beten, Kind
und falten fein die Händ,
dass noch Gott
den tollen Christian
von uns wend."
Als Wallenstein von seinem Tode erfuhr, soll er ihm mit schwarzem Humor
"Viel Glück auf die Reise" nachgerufen haben.
Katholische Quellen berichten, er sei wie Herodes gestorben, da seine
inneren Organe von einem Riesenwurm zernagt worden seien.
Seine Truppen zerstreuten sich, um unter anderen Befehlshabern weiter zu
morden. - Vielleicht unter Bernhard von Sachsen-Weimar, einem Schüler
Christians.
Persönlichkeiten wie Christian von Braunschweig irritieren und fesseln
durch ihr facettenreiches Leben.
Je nach Standpunkt ist man von ihnen und ihren Taten abgestoßen oder ist
fasziniert von ihrer Lebensführung ohne moralische Skrupel und menschliche
Bindungen.
Zum großen Erstaunen stellt man fest, dass auch Frauen mit hohem Intellekt
und gesundem Ego in den Hochaufgeschossenen Jüngling mit den wilden Haaren
verliebt waren. Die Dichterin Annette von Droste gehörte dazu.
Auch wenn Christian
von Braunschweig-Wolfenbüttel nicht zu den militärisch erfolgreichsten
Feldherrn des Dreißigjährigen Kriegs zählte, ragte er zumindest durch seinen
sonderbaren Charakter heraus. Die wichtigste Motivation für Christian,
Friedrich V. von der Pfalz zu unterstützen, war seine unbändige Verehrung
für Friedrichs Gemahlin Elisabeth Stuart. Christian ließ seine Truppen
Feldzeichen mitführen, auf denen der Spruch "Pour Dieu et pour elle" (frz.,
Für Gott und für sie) zu lesen war, womit auf Elisabeth Stuart angespielt
wurde. In der Schlacht trug Christian einen Handschuh von Elisabeth als
Helmzier.
Eigentümlich war Christians Brauch, Städte und Dörfer, die sich auf seiner
Route befanden, mit Drohbriefen über seine baldige Ankunft in Kenntnis zu
setzen. Diese Briefe waren an sämtlichen Ecken angesengt und drohten mit
"Feuer" und "Blut". Als Christian in der Schlacht von Fleurus schwer am
linken Unterarm verletzt wurde, ließ er sich diesen einige Tage später in
Gegenwart seiner Soldaten und unter Trommelwirbel amputieren, ohne dabei
eine Gefühlsregung zu zeigen. In seinem Übermut ließ er seine spanischen
Gegner über diesen Vorgang informieren und gab die Anfertigung einer
Prothese, ähnlich der Eisernen Hand von Götz von Berlichingen, in Auftrag.
Christian führte ein ausschweifendes Leben und gab häufig mit seiner
angeblich starken Potenz an. Als er 1626 im Alter von 26 Jahren an einer
schweren Krankheit verstarb, führte der dänische König Christian IV. dies
auf seinen Lebenswandel zurück.
Ricarda Huch, eine andere große Dame der deutschsprachlichen Literatur,
die die Personen des 30jährigen Krieges, deren Beweggründe und Charaktere
intensiv studiert und schriftstellerisch eindrucksvoll gestaltet hat, bringt
ihre Eindrücke über Christian von Braunschweig weniger romantisch auf den
Punkt, wenn sie vermerkt:
"Der 'Tolle Christian' war überdies wohl geistig nicht ganz normal".
| |
|
|
De Dulle
Christian |
| |
|
|
1. Für Geiseke
lag de dulle Christian
En Biscop,
duachen eisliken Mann.
De Stifter im
schönen Lanne Westfalen,
Dei sollen iäm
de Schulden betahlen.
2. De Düörper
und Städte verbrannt up sein Wort,
Ringsum de
Kleinodien klein un kuort.
Män Geiseke, dat
kleine, wogede te trotzen
Mit seinen Müren
un Torens te protzen.
3. Bür de Pote
sat Christian am Dullentisk
Un Lät sik
bringen Broen un Fisk;
Hei bliekede un
bölkede iäwer de Moten
Nit iut nau in
wußten do de Saldoten.
4. Dobi saup hei
diän Wessewein
Seo unmanierlik
as en Swein,
Et dansten nür
iäm verlaupne Weiwer
kium dat en
himbden hadden de Leiwer.
5. Up einmol:
bautz! da gaft em Luak
In Disk un
Decke, un kerls un kuat,
Dei flaugen
iäwer Eck un laggen am Grunne
Rau eh se't
wußten, be...
6. De Dulle
sprank up un knuwelde de Fiust,
Rir lag
|
| |
|
| |
|
|
entnommen
"Heimatblätter" (78. Jahrgang/Folge 7), Beilage zum "Patriot" und zur
Geseker Zeitung 1998 |
| |
|
| siehe auch: |
Der Kampf um Geseke |
|
| |
Lobetag |
|
|
|
Der Schuss in den Braten Anno 1622 |
 |
|
|
|