Donnerstag, 07. Februar 2013 Der Patriot

4,1 Promille mit 15 Jahren: „Das ist schon extrem“

Jugendliche im Vollrausch: Chefarzt Dr. Christodoulou über seine Erfahrungen in der Notaufnahme

Komasaufen, Flatrate-Partys - immer mehr Jugendliche betrinken sich hemmungslos. Und das auch in Geseke. Da kommt das Karnevalsfest gerade recht für den nächsten Vollrausch. Doch eigentlich gibt es jedes Wochenende „gute“ Gründe, die Gläser zu heben. Nur zu genau weiß das von Berufs wegen Dr. Dimitrios Christodoulou, Chefarzt des Hospitals zum Heiligen Geist.

Herr Dr. Christodoulou, trinken Jugendliche heute mehr und anders als früher?

Christodoulou: Ich denke schon. Das Komasaufen kannte ich in diesem Ausmaß nicht. Als ich aufgewachsen bin, gab es diese Trinkkultur so nicht. 13- oder 14-Jährige mit über drei Promille - das ist schon eine neue Dimension.

Geht es am Karnevalswochenende besonders heftig zur Sache?

Christodoulou: Karneval gehört schon zu den Spitzenzeiten. Auch andere besondere Anlässe wie Schützenfeste oder Abi-Feiern muss man hier nennen. Die Gefährdung ist dann noch größer. Aber eigentlich wird mittlerweile jede Gelegenheit genutzt, um zu feiern und zu trinken.

Wie viele Jugendliche landen denn pro Jahr bei Ihnen in der Notaufnahme und wie alt sind sie?

Christodoulou: Es sind im Schnitt so zehn bis zwölf im Jahr, Tendenz steigend. Das Alter reicht von 13 bis 17 Jahren. Junge Erwachsene sind gar nicht mitgerechnet.

In welchem Zustand kommen die Jugendlichen in die Notaufnahme?

Christodoulou: Sie sind bewusstlos, nicht mehr ansprechbar. Mehr als die Hälfte der eingelieferten Jugendlichen landet auf der Intensivstation. Wir hatten mal einen 15-Jährigen, der hatte 4,1 Promille. Das ist schon extrem.

Wie läuft die Nacht im Krankenhaus ab?

Christodoulou: Die jungen Patienten werden rund um die Uhr bewacht. Kreislauf, Atmung und Sauerstoffsättigung werden ständig kontrolliert. Es besteht vor allem große Erstickungsgefahr, weil die Schutzreflexe beim Erbrechen nicht mehr funktionieren. Die Jugendlichen bekommen von uns Infusionen mit Elektrolyten und Glukoselösungen.

Wie reagieren die „Schnapsleichen“, wenn Sie am Morgen merken, dass sie die Nacht im Krankenhaus verbracht haben?

Christodoulou: Die meisten schämen sich. Es ist ihnen vor allem peinlich, dass sie dermaßen die Kontrolle verloren haben. Wenn sie das Krankenhaus verlassen, sagen sie häufig, dass ihnen das nie wieder passiert. Es gibt aber auch Einzelfälle, da ist es den Jugendlichen gleichgültig, was mit ihnen passiert ist. Das ist dann wohl auch eine Frage der Erziehung.

Apropos, Erziehung: Wie verhalten sich die Eltern am Morgen danach?

Christodoulou: Auch ihnen ist es zumeist peinlich. Ich habe schon den Eindruck, dass viele von ihnen den Vorfall sehr ernst nehmen.

Welche Gefahren bestehen, wenn der Vollrausch zur Routine wird?

Christodoulou: Es gibt viele Gefahren. Zu nennen sind da vor allem Schädigungen des Hirns. Aber auch andere Organe wie das Herz, die Leber oder die Bauchspeicheldrüse werden in Mitleidenschaft gezogen. Wenn der Konsum exzessiv wird und sich ständig wiederholt, ist der Weg in die Abhängigkeit vorgezeichnet. Die Entwicklung ist in diesem Zusammenhang auch in unserer Region beunruhigend. Dem Kreis-Gesundheitsamt ist das Problem sehr wohl bewusst.

Ganz ohne Alkohol wird es an den tollen Tage wohl auch dieses Mal nicht gehen. Welche Tipps haben Sie für den närrischen Nachwuchs?

Christodoulou: Hochprozentiges weglassen und vorher ordentlich essen. Aber das ist ja eigentlich alles bekannt. Im Grunde genommen ist die Menge entscheidend. Man muss lernen, wann die Grenze erreicht ist, um dann „Nein“ zu sagen. - df




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