Freitag, 20. November 2015 Der Patriot

„Es steht in den Statuten...“

Fotos: Hans-Peter Busch

Brauchtum beim Schützenfest der Sebastianer in Geseke

Von Hans Peter Busch

„Was ist eigentlich, wenn eine Frau als Königin der Sebastianer ausgewählt wird, sie aber die Königinnenehre ablehnt?“ „Dann darf sie doch drei Jahre nicht auf den Schützenplatz! So steht es in den  Statuten!“ Solche Sätze kann man vor und während des Schützenfestes immer wieder hören, wenn die Gerüchtebörse rund um das Vogelschießen kocht, weil alle dem Beginn des Festes entgegenfiebern.
Dem Autor dieser Zeilen ist eine solche Regel - schriftlich fixiert - bisher noch nicht untergekommen. Auch in der vergleichsweise jungen Fassung der Schützenordnung aus dem Jahr 2007 findet sich kein entsprechender Hinweis. Gleichwohl zeigt sich aber, dass es nach dem Selbstverständnis vieler Schützenfestteilnehmer „sich nicht gehört“, diese angetragene Würde einfach so abzulehnen. Und man hat auch sofort den passenden „Ausweg“ parat, wenn man eine solche Würde ablehnen möchte oder aus gewichtigen Gründen ablehnen muss: Dann ist man einfach nicht da!
Brauch ist es, dass die Adjutanten der Bruderschaft zur vorgesehenen Königin fahren, um ihr Einverständnis einzuholen und sie in das den weiteren Festablauf bestimmenden „Konklave“ zu bitten. Und wenn die Adjutanten die vorgesehene Königin nicht antreffen...
Dazu berichtete die 40-jährige Jubelkönigin Ingrid Hagenbrock den staunenden Schützen, die bei ihr zum Schmücken angetreten waren, dass sie am Schützenfestsamstag zu ihrer Freundin gefahren sei. So war sie zu Haus für die Adjutanten gar nicht erreichbar. Nun wusste aber der damalige Major Anton Bartscher, wo ihr Mann einen übernommenen  Handwerksauftrag  noch  unbedingt fertig stellen musste. Also standen die Adjutanten in voller Montur in einem Baugebiet in Lipperode und Hagenbrocks Hennes „verriet“ den Aufenthalt seiner Frau bei der Freundin. Da musste die spätere Königin wohl die Adjutanten empfangen!

Häufig ist es aber so, dass die zukünftige Königin schon mit auf dem Schützenplatz ist und dann schon mit auf der Theke steht. In diesem Jahr, also im Juli 2015, war das aber auch anders, denn die spätere  Königin Larissa Thomas war selbst im Schützenfest-Einsatz. Als Mitglied der Blaskapelle „Harmonie“ Verlar sorgte sie beim Jubelschützenfest in Hörste für Stimmung und musste erst nach Geseke eilen.
Das Stichwort „Kapelle“ führt mich zu einem anderen Brauch bei den Sebastianern, dessen Ursprung heute kaum noch bekannt ist: Am Schützenfest-Sonntag hatten sich nach der Teilnahme am Jubiläum in Hörste viele Verlarer aufgemacht, um „ihre“ Königin in Geseke zu feiern und die Mitglieder der Harmonie-Kapelle wollten ihrer Musikerin natürlich ein Ständchen zu bringen. Sie alle waren dann höchst erstaunt, als ihnen bedeutet wurde, dass sie keineswegs mal eben ein Ständchen bringen könnten, zumal sie gar nicht angemeldet waren. Grund für die dann doch lange Wartezeit für die Verlarer war das eng gefasste Festprogramm,  das  dem  Königspaar  und  dem  Hofstaat nur wenig Luft lässt. Die fest stehenden Teile des Sonntag-Abends stehen natürlich „in den Statuten“. Dazu gehören die große Polonaise auf der Wiese um 18 Uhr mit den anschließenden Königswalzer, das Abendessen für den Hofstaat, die Geseker Volkstänze Tampete und Kegel (meist auch die Ecossaise) und das „Ständchen der alten Königin“.

Dieses Ständchen der alten Königin soll in seinen Ursprüngen kurz erläutert werden. In früheren Jahrzehnten gehörte die  Königin  des  Vorjahres automatisch dem neuen Hofstaat an. Das war ganz praktisch, denn sie kannte sich durch ihr eigenes  Königinnenjahr mit den hier ansatzweise skizzierten Regeln aus und konnte dem neuen Königspaar wertvolle Hilfestellungen geben. Insbesondere vor der Einführung des Amtes des Königsadjutanten in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts war dies zwingend erforderlich. Die alte Königin hatte das „Recht“ auf das erste Ständchen am neuen Thron. Auch hier war das nie statutenmäßig fixiert, aber es war feste Regel.

Daneben gab es eine zweite Regel: Den Damen, die beim Schmücken der Halle für das Fest geholfen haben, steht der erste Tanz auf dem Schützenfest zu! Diese Damen sind in der Regel die Hofdamen des am Schützenfestbeginn noch amtierenden Hofstaates. Im Zuge des immer enger werdenden  Festablaufes  hat  man  sich  stillschweigend darauf geeinigt, beide Bräuche zusammenzufassen und die alte Königin mit ihrem Hofstaat (wozu wohlwollend auch der König und die Hofherren mitgenommen werden) dieses erste Ständchen  bringen zu lassen. Aber auch da ist man flexibler, als es die „ungeschriebenen Statuten“ vorsehen würden: Auch in diesem Jahr waren viele Nachbarvereine zum Gratulieren gekommen und konnten das im Vorfeld bereits angemeldete Ständchen bringen. Da waren dann die Verlarer im Nachteil. Hoffentlich haben sie uns die Wartezeit verziehen!

Noch viele andere Bräuche und Gebräuche stehen in den nie aufgeschriebenen Statuten, sicher ein Beleg dafür, dass man sich mit dem Fest und seinen teils Jahrhunderte alten Bestandteilen identifiziert. Besonders erfreulich aus Sicht des Vorstandes ist dabei die große Unterstützung durch die jungen Schützen, für die die Einhaltung solcher Regeln selbstverständlich dazu gehört. Dafür nur ein Beispiel: In Geseke wird der Schützenfrack auch bei großer Hitze eigentlich nicht ausgezogen - Marscherleichterung bedeutet hier die Verkürzung von Marschwegen oder den Ausfall der Parade. Auch in diesem Jahr hielten sich die allermeisten Schützen an diese Regel, obwohl angesichts der tropischen Temperaturen (am 4. Juli 2015 waren es fast 37 Grad) niemand „gezwungen“ war, das zu tun.

 




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