Freitag, 24. Januar 2020 Der Patriot

Oberst Friedel Bergmann blickt zurück

Friedel Bergmann, Oberst der Sebastianer, tritt nach 18 Jahren nicht mehr an. Archivfoto: Dietz

Ein neuer Sebastianer-Oberst – das hat es seit 18 Jahren nicht mehr gegeben. Bevor sich Friedel Bergmann aus der Spitzenposition der Bruderschaft bei der Jahreshauptversammlung an diesem Freitag zurückzieht, hält er im Interview eine Rückschau auf bewegte Jahre und wirft auch einen Blick in die Zukunft.

Herr Bergmann, wie fühlen Sie sich?

Ich fühle mich ganz wohl. Ich habe meinen Abschied schon vor sechs Jahren eingeläutet.

Echt, vor so langer Zeit schon?

Nach dem Bundesfest habe ich gesagt, dass meine Amtszeit in den nächsten Jahren ausläuft und habe das schon lange vorbereitet. Natürlich mit einem weinenden Auge. Aber ich fühle mich nicht schlecht. Es ist der richtige Zeitpunkt. Ab dem Alter von 60 Jahren sollte man darüber nachdenken, einen Nachfolger zu bekommen. Wir sind eine junge Bruderschaft. Ich bin eingefahren, da sollte es Veränderungen geben.

Wenn Sie zurückblicken: Was war Ihr schönster Moment als Schützenoberst?

(Nachdenklich) Da war so viel... Ein Aha-Effekt war am Montag nach dem Bundesschützenfest. Als in der Halle applaudiert wurde. Das war der erhabenste Moment, der da war. Aber es gab auch viele andere. Man müsste Oberst-Memoiren schreiben! (lacht). Damals die Bischofs-Einführung in Trier, die Erzbischofseinführung in München, die Kardinalserhebung in Rom. Dafür gibt es ja kein Drehbuch. Wir sind damals einfach mit allen Schützen quer über den Markusplatz in Rom in Richtung Dom gegangen. Ich vorneweg, alle anderen hinterher. Wie gesagt, ich könnte ein Buch schreiben. Und einiges werde ich noch aufschreiben, was wichtig ist für unsere Schützengeschichte. Und dann war da die Freundschaft mit den St. Hubertus-Schützen in Haanrade. Vieles, was einmalig war. Und ich bin dankbar, dass ich das miterleben durfte, ganz ehrlich!

Was macht denn die Geseker Sebastianer so besonders?

Es ist das Miteinander und das Füreinander, das Motto unseres Juli-Fests. Weil dann alle zusammen mitmachen und das Wir-Gefühl so verinnerlichen. Eine Gruppe, die etwas bewegen kann, wenn wir es wollen. Wir haben es auf unserer Internet-Seite stehen. „Mehr als Sebastianer kann der Mensch nicht werden“ (lacht). Ich weiß, Sebastianer galten immer als überheblich, aber das sind wir nicht. Wir sind Teil der Vereinsgeschichte von Geseke.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich denke da an das Fußballspiel gegen Argentinien bei der Weltmeisterschaft 2010. Die Übertragung war nach dem Vogelschießen und es war extrem heiß, aber keiner der Schützen kam auf die Idee, den Frack auszuziehen. Ihn anzubehalten ist eine Selbstverständlichkeit. Und das schafft Gemeinschaftsgefühl. Wenn wir marschieren, können wir uns vor Teilnehmern nicht retten. Wenn sich alle gut verstehen, ist das sehr wichtig. Klar gibt es Meinungsverschiedenheiten. Aber keine Postenrangelei, keinen Hofenproporz, keine Hofen gegeneinander. Bei den Jungschützen sind 50 Leute, das ist gut. Das ist so, wie wir uns das vorgestellt haben.

Sie sind bekannt für sehr klare Stellungnahmen zum Weltgeschehen. Was treibt Sie an, Ihre Meinung unter anderem am Ehrenmal so deutlich kund zu tun?

Der Schützenverein ist Teil der Gesellschaft und hat Verantwortung für die Geschichte, für Toleranz, für ein Miteinander, gegen Hass und Nazitum. Das war mir immer ganz wichtig! Ich schaue in die Geschichte der Bruderschaft. Der erste Oberst nach dem Krieg war ein Verfolgter. Ein Oberst musste in der Nazizeit zurücktreten wegen seines Bekenntnisses zur Kirche. Wir haben die Tradition, das Wort zu erheben, den Finger in die Wunde zu legen und immer wieder zu mahnen. Ich bin gläubiger Christ und unabhängig. Diese Unabhängigkeit sollte man sich als Oberst der Sebastianer bewahren. Auch sollte er wirtschaftlich unabhängig sein und nicht wegen erhoffter Aufträge den Posten übernehmen. Bislang sind auch alle Obersten unabhängig gewesen.

Wo finden Sie Ihre Themen?

Ich gucke mir die Kommentare in den Zeitungen und im Fernsehen an und schaue dort nach Themen. Ich betreibe keine Meinungsbildung bei Facebook oder Instagram. Nur bei der unabhängigen Presse.

Wenn mal ein Sebastianer aus der Reihe tanzt: Ist das kein Problem oder gibt das Druck?

Ich übe keinerlei Zwang aus. Es gibt die Planung und die Abläufe, von denen alle sagen, ja, das funktioniert. Die Offiziere wollen es perfekt machen und setzen sich selbst unter Druck. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass Druck von uns ausgeübt wurde. Eine Hierarchie ist nach außen hin da. Aus diesem Grund war auch die Trennung des Obersts und des obersten Brudermeisters nie Thema. Wenn ich die Verantwortung habe, dann ist es auch gut, wenn ich den Titel habe.

Verspüren Sie denn selbst auch mal Erfolgsdruck?

Ich habe mein Lampenfieber nie verloren, das habe ich jedes Mal beim Schützenfest. Und mein Nachfolger wird bei seinem ersten Schützenfest sicher sehr aufgeregt sein. Das ist nunmal so.

Wo sehen Sie die Sebastianer in 18 Jahren?

(Nachdenklich) Ich sehe sie weiter als tolerante Gruppe, in der das menschliche Füreinander bestehen bleibt. Vielleicht brauchen wir in 18 Jahren die menschlichen Kontakte mehr denn je. Das Miteinander wird sich ändern, darum muss das Wir-Gefühl erhalten bleiben. Es wird sich viel an der Struktur ändern und auch der Ablauf des Schützenfests wird sich ändern. Allein schon wegen der Musik am Montag ... Der Winterball wird immer mehr akzeptiert von den jungen Leuten und ich hoffe, dass das in 18 Jahren so bleibt.

Es wird viel diskutiert über Frauen in den Schützenvereinen...

Auch diese Entwicklung wird einiges ändern. Aber wenn der Zwang nicht da ist, macht man es nicht (lacht). Dass keine Frauen im Verein sind, ist eine ostwestfälisch-sauerländische Tradition, aber kein ehernes Gesetz.

Was ist mit den christlichen Traditionen?

Der christliche Bezug sollte bleiben. Ein Mohammedaner würde es nicht anders machen. Wir werden ein multikulturelles Europa, aber das heißt nicht, dass wir unseren christlichen Glauben aufgeben.

Wo wird man Sie künftig beim Schützenfest antreffen?

Überall! Ich habe wieder mehr Freiheit und werde das Schützenfest genießen. Ich werde weiter in die Verantwortung genommen, aber meine Freiräume werden mehr werden.

Können Sie denn gut loslassen?

Ich hoffe, ich habe nicht zu sehr am Posten geklebt. Ich wollte es ja immer machen. Es wird ein bisschen komisch sein.

Haben Sie Pläne innerhalb des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften?

Ich möchte als Bezirksbundesmeister weiter machen und kandidiere am 7. Februar für den stellvertretenden Diözesanbundesmeister. Das wäre meine dritte Amtsperiode. Ich habe dann mehr Zeit, mich um befreundete Schützenvereine zu kümmern. Aber der hauptamtliche Diözesanbundesmeister ist nichts für mich.

Und was für Pläne haben Sie für Geseke?

Wir haben viele Ehrenchargen, die den Besuch des Schützenfestes scheuen. Auf sie wartet ein Stammtisch am Schützenfest-Samstag. Da treffen wir uns alle eine Stunde, trinken Bier und essen Bütterkes.

 

Das Interview führte Redakteur Frederick Lüke

+++++ 34 Jahre im Vorstand +++++

Dr. Friedel Bergmann ist Mediziner und war vor seiner Zeit als Oberst für 15 Jahre als Bataillonsarzt im Vorstand tätig. Zusammen mit dem Jahr als Jungschützenkönig kommt er auf eine 34-jährige Vorstandstätigkeit. Der Geseker ist 63 Jahre alt.




©2019 St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Geseke 1412 e.V.