Auftakt zum Schützenfest...

...vor (über) 50 Jahren

 

 

Empfang eines treuen Schützenbruders am Bahnhof

 

  

von Josef Flamm

  

  

So sicher wie das alljährliche Schützenfest in Geseke stattfand, so sicher kam auch jedes Jahr pünktlich am Zapfenstreich-Freitagnachmittag um zwei Uhr mit der Eisenbahn von Barmen-Elberfeld der heute noch vielen Gesekern bekannte Franz Wieneke. Ähnliches konnte man allerdings auch sagen von Hermann Menke aus Düsseldorf-Oberkassel, Löhers Seppel aus Diepes Schröder Mühle bei Köln und Franz Kölscher aus Hennef/Sieg. Aber Franz Wieneke war von den "Auswärtigen" doch wohl der Bekannteste und Anhänglichste. Er entstammte der alten Geseker Bauernfamilie Wieneke. Sein Geburtshaus stand auf der damaligen Kuhstraße (Cranestraße). 
 
Als Gutsverwalter war er bei den Schwestern in Oberelfringhausen in der Nähe von Wuppertal auf Gut Marienhof tätig und war dort die Seele des Betriebes. Keine zehn Pferde hätten diesen Heimatverbundenen Schützenbruder "in der Fremde" halten können, nachdem am Sonntag vor dem Schützenfest oder, wie es meistens war, am Feiertag "Peter und Paul" die Reveille geschlagen war und das Vorexerzieren der Schützen stattgefunden hatte. 
 
Seine Freunde wussten um dieses regelmäßige Erscheinen und hatten sich auf dem Vorexerzieren "auf der Halle" verabredet, um in diesem Jahre zum Empfang pünktlich an der Bahnhofssperre zu stehen. Wieneken Franz sollte eine Begrüßung in der Heimat haben, mit der er nicht rechnen würde.
 
Also fanden sich tatsächlich in jenem Jahre, es sind nun fünfzig Jahre her, zunächst am Bahnhof unter dem Schirm der alten Ithbuche, der einen Umfang von vielen Metern hatte und am Wege vom Bahnhof zum Hotel Kersting stand, die verabredeten Kameraden ein. Dann ging es geschlossen zur Bahnhofssperre, an der Utzels Fritz Dienst hatte und die Fahrkarten knipsen und wieder in Empfang nehmen musste. 
 
Hier standen dann folgende Schützenbrüder zum Empfang angetreten: Koch-Vogts Heini, mit SchützenPetzel, ein Original für sich, Wieneken Teddar, (Rättä-Pink), Brocks Ambi (Nordwall), Künigs Heina (Plätzer, Calenhof), Siggen Franz (hatte sowieso Dienst mit roter Mütze am Bahnhof), Schütten Franz (Viehstraße), Bruns Oppee (Ostolü), Ebers Katzow (Zehnthof), Leinemanns Berthold (allseits bekannt und beliebt), Bükers Bernhard (Völmeder Straße, 1937 Kronkönig und 1939 letzter König vor dem Krieg, Königin Elisabeth Müller, Bachstraße, spätere Frau Struwe), Richters August (Deimel und Richter), Flamms Bur, Bäckstraße (Außenminister der alten Geseker Zeitung) und ich. 
 
Dieser Empfang im Geseker Bahnhof war so perfekt und beeindruckend für unseren Franz, als er uns in Reih' und Glied da stehen sah und wir anstimmten: "Die Vöglein im Walde, die sangen so schön, in der Heimat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehn", dass er vor Freude lachen oder auch vor echter Rührung sich ein paar dicke Tränen aus den Augen wischen musste. 
 
Gerade dieser Augenblick ist mir noch in bester Erinnerung. Es war ein herzliches Wiedersehen und eine wirkliche Überraschung. Das Schützenfest konnte steigen! Wir wurden dann sofort von unserem frisch in der Heimat eingetroffenen Schützenbruder eingeladen und mit dem Lied vom General Sporck zogen wir zum Schützenwirt Roderfeld am Bahnhof, wo das erste kühle Blonde zum Auftakt der frohen Tage verkonsumiert wurde, dem dann noch etliche folgten. 
 
Franz "ließ gehen", es war schon fast "zu harre", wie überhaupt an allen Schützenfesttagen. Sein Ein und Alles war nun mal sein Schützenverein und die Heimat. Franz Wieneke war unverheiratet und konnte sich daher ohne Protest der Ehefrau in damaliger Zeit, wo das Geld sehr knapp war, erlauben, zweimal König und außerdem noch mal Kronkönig zu werden. Zum ersten Mal 1922 (Königin Therese Lappe, Viehstraße). Dann zum zweiten Male 1930 (Königin Klara Gödde, später Frau Utzel, Gastwirtschaft Hellweg). Und zwei Jahre später, er konnte es nicht lassen, als Abschluss der wohl einmaligen königlichen Laufbahn, 1932 Kronkönig mit Stiftung einer neuen Fahne für seine zweite Kompanie.
 
Als eine große Seltenheit in den dreißiger Jahren trug er einen "Schnurbart" nach alter Väter Sitte, wie wir unseren Franz nie anders gekannt haben. Er war eine Type für sich!
 
So soll uns Franz Wieneke als ein urwüchsiger alter Geseker und der Empfang am Bahnhof, wie es ihn heute wohl kaum noch gibt, in guter Erinnerung bleiben. Leider starb er schon früh 1943 infolge eines Kriegsleidens im Alter von 46 Jahren. Beerdigt wurde er, genau wie sein Oberst Philipp Thoholte mit Schützenschärpe und Degen auf dem heimatlichen Friedhof, wie es sein Wunsch war.
 
Höhepunkt des ersten Tages des Schützenfestes ist der Zapfenstreich, gespielt vom Tambourkorps und der Stadtkapelle. Mit dieser feierlichen Zeremonie endet gegen halb zwölf ein recht anstrengender Eröffnungstag.
 
Schon sehr früh geht es am nächsten Morgen für die Mitglieder des Tambourkorps weiter. Sie müssen in kleinen Gruppen die Offiziere "wecken". Mit "Freut euch des Lebens" und einem durchdringenden Hornsignal werden die Schützen aus dem Schlaf gerissen. Diese Methode ist wohlbegründet, denn bereits um viertel vor sieben treten die Schützen in ihren Hofenquartieren an. Nachdem man sich mit bereitgestelltem Eichenlaub für den Zylinder versehen hat, die Blume im Knopfloch des Fracks und im Holzgewehr ist selbstverständlich, lässt der Feldwebel die Schützen in Reihe antreten und durch Abzählen die Kompaniestärke feststellen. Nach der Meldung an den Hauptmann nimmt dieser die Ehrung der Schützen vor, die 25 Jahre dem Verein angehören und zeichnet sie mit einer Erinnerungsplakette aus. Dann geht es zum Marktplatz. Der Nordhofe bleibt dieser erste Marschteil erspart, da sie direkt am Marktplatz antritt.
 
Auf dem Marktplatz stellt sich das Bataillon im Karree auf. Die Hauptleute melden die angetretenen Schützen dem Major, der wiederum das gesamte Bataillon dem Oberst meldet. Nach dem "Guten Morgen, Schützenbrüder!" durch den Oberst und der kräftigen Antwort: "Guten Morgen, Herr Oberst!" folgt der mit Spannung erwartete Fahnenmarsch. 
 
Die Schützen fiebern mit, als ginge es um ihre eigene Ehre. Gottlob hat der Fahnenmarsch in den letzten Jahren regelmäßig sehr ordentlich geklappt. Danach schließt sich die Ehrung des König vor der Scheibe und der Sieger im Bataillonsschießen an. Auch werden eventuelle Ehrungen für besondere Verdienste an dieser Stelle im Festprogramm ausgesprochen. 
 
In welcher Reihenfolge die Hofen dann abmarschieren, um die Königin abzuholen, bleibt wohl ein Geheimnis der drei Hauptleute. Jedenfalls wird bei den einzelnen Märschen "von hinten nach vorn" gewechselt, so dass jede Kompanie einmal den ersten Platz einnimmt. Dieser Wechsel wird auch über ein Schützenfest hinaus vollzogen. Am Schützenfestsamstag wird immer die Hofe am Schluss marschieren, die im Vorjahr am Montag den Spitzenplatz eingenommen hatte.
 
Inzwischen hat sich der Hofstaat im Haus der Königin oder an einem anderen geeigneten Ort in der Innenstadt versammelt. Wenn das Bataillon aufmarschiert ist, defiliert das Königspaar und der Hofstaat, angeführt vom Bataillonsadjutanten im Stechschritt und begleitet von zwei Offizieren des Stabes an den Schützen vorbei. Dann geht es zurück zum Marktplatz. Hier binden die Schützen ihre Holzgewehre mit Taschentüchern, Gummibänder und Ähnlichem zusammen und stellen sie pyramidenförmig auf. 
 
Unter dem feierlichen Glockengeläut der Stadtkirche marschiert man zum Gottesdienst. In der Kirche intoniert die Stadtkapelle das Lied "Tochter Zion" und zum Messbeginn stimmen die Schützen das alte Kirchenlied "Hier liegt vor deiner Majestät im Staub die Christenschar" an. Leider ist das Lied im neuen Gesangbuch nicht mehr verzeichnet. Innerhalb des Gottesdienstes nimmt die Entzündung einer Kerze vor der Sebastianusstatue als Erinnerung an die erste schriftliche Erwähnung der Bruderschaft einen besonderen Platz ein. Nach der Messfeier marschiert der Schützenzug zum Ehrenmal, um einen Kranz zur Erinnerung an die Toten der Kriege und die Opfer aller Gewaltherrschaften niederzulegen. Zum Schluss ertönt das Lied vom guten Kameraden.

 

Der nun folgende Teil des Zuges ist für die jungen Schützen besonders aufregend. Auf dem Rennenkamp ist Parade! Die Zylinder werden tief in die Stirn gezogen, leise wird der Marschtakt mitgezählt; "links, links". Der voranmarschierende Offizier muss aber in der Regel kein besonders Kommando geben. Wenn Stab und Hofstaat erreicht sind, werden die Beine schon fast automatisch gerade gestreckt und die Schuhsohlen klappen im Gleichtakt auf den Asphalt. Dabei fühlen sich die Schützen dabei keineswegs als Nachfolger der Preußen. Alles gilt als großer Spaß und wird vielleicht deshalb besonders wichtig genommen. Außerdem ist die Parade Tradition und wird auch bei auswärtigen Festen mitgemacht. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch gut an das Bundesschützenfest in Paderborn 1977, als der Hofstaat der Sebastianer gerade an der Ehrentribüne vorbeimarschiert war und plötzlich Dieregsweilers Ferdi, damals Oberleutnant in der Nordhofe, sich umdrehte und "Frei weg" rief. Auf Anhieb klappte bei allen Zügen der Stechschritt und im Vorbeimarschieren sah man die Ehrengäste von ihren Sitzplätzen aufspringen und begeistert Beifall klatschen.

 

In Geseke findet die Parade übrigens nicht immer an der gleichen Stelle statt. Am Samstag ist die Parade im Gebiet der Osthofe auf dem Rennenkamp, Sonntag ist die Westhofe dran und am Montag beschließt eine Straße in der Nordhofe den Wechsel der Paradestraßen. Nach dieser Prozedur geht es auf kurzem Wege zur Schützenhalle. Auch hier stellt sich das Bataillon noch einmal im Karree auf, die Fahnen werden mit dem Fahnenmarsch in die Halle gebracht und dann ist für die Schützen Frühstückszeit.

Im Gegensatz zu vielen anderen Schützenfesten gibt es kein vorbereitetes Essen. Die Kinder, Enkel, Ehefrauen, Freundinnen oder Kinder aus der Nachbarschaft bringen die Butterbrote, oft im Schützen-Petzel eingepackt, "auf die Halle". Dafür gibt es als Belohnung einen "Taler", damit die Kinder auch einmal in das Karussell oder den Autoselbstfahrer gehen können. Das bereitgestellte Freibier holen die Offiziere für ihre Truppe auf großen Tabletts. Während die Schützen noch ihre Brote untereinander austauschen und den ersten Durst nach anstrengendem Marsch löschen, stellt sich das Tambourkorps auf und bringt dem Königsthron und allen Schützen ein Ständchen. Übrigens gibt es eine genaue Sitzordnung beim Frühstück. Die Westhofe sitzt in der linken Seite der Halle, die Osthofe nimmt unterhalb des Thrones Platz und die Nordhofe besetzt die Tische an der rechten Hallenseite.



©2015 St. Sebastianus-Schützenbruderschaft Geseke 1412 e.V.