Das Schützenfest

(entn. "Dunkers Erzählungen", Alfons Dunker 1981)

 

In der weiten Hellwegebene, die sich zwischen der Haar und der Lippe vom Ruhrgebiet bis zum Paderborner Land hinzieht, liegt inmitten fruchtbarer Äcker und saftiger Wiesen die Gemeinde Helhausen. Hohe Eichen, gesunde Obstbäume und dichte Hecken umgeben die Höfe und umschließen das Dorf. Vom fernen Hellweg, der Reichsstraße, auch Chaussee genannt, sieht man nur die Dächer der breiten Fachwerkhäuser, zwischen denen der spitze Turm der alten Kirche herausragt.

Im Jahre 1904, an einem strahlend schönen Sommernachmittag, strebt auf dem Weg, der von der Reichsstraße nach Helhausen führt, eine mit zwei Rappen bespannte Kutsche gemächlich dem Dorfe zu. Die Fahrt geht durch wogende Kornfelder, die Luft ist von Heuduft erfüllt. Auf dem Bock sitzen die Brüder Heinrich Bender, ein Bauer aus Helhausen, und Johannes Bender, Leutnant der Kavallerie. Der Bruder Heinrich hat ihn von der Bahnstation der nahen Kreisstadt abgeholt. Es ist ein frohes Wiedersehen nach zwei Jahren und es gibt auf der Heimfahrt soviel zu erzählen, dass die Zeit viel zu schnell vergeht. Leutnant Johannes Bender dient in Berl in bei den Ulanen. Er ist gekommen, um seinen Urlaub im Heimatdorf zu verbringen und um am Schützenfest teilzunehmen. Nachdem vor zwei Jahren die Eltern kurz hintereinander gestorben sind, war der Leutnant nicht mehr in Helhausen gewesen. Früher hatte er jeden Urlaub auf dem elterlichen Hofe verbracht und dort mit Freude bei der Arbeit geholfen.

Nach dem Tode von Vater und Mutter war ihm das Elternhaus so leer und traurig vorgekommen und das Dorf so trostlos, dass er glaubte, nun seine Heimat verloren zu haben. Nur das innige Verhältnis mit seinem Bruder und dessen Frau verband ihn noch mit Helhausen. Die wiederholten Einladungen seines Bruders hatten mit der Zeit seine Sehnsucht nach dem stillen Helhausen doch in ihm geweckt. So hatte er sich entschlossen, mal wieder der nervenzermürbenden Großstadt zu entfliehen und seinen Urlaub im Heimatdorf zu verbringen, bei derber Kost und frischer Luft.

Die beiden Brüder auf dem Bock der Kutsche hatten in angeregter Unterhaltung die alte Linde am Eingang des Ortes erreicht und bogen nun in die Dorfstraße ein. Heute herrschte auf der sonst so stillen Straße ein emsiges Treiben. Es wurden Girlanden angebracht, die Frauen waren beim Fensterputzen, die Straßen wurden gefegt und auf den Höfen war man dabei, Ordnung zu schaffen, denn morgen begann das Schützenfest. Von allen Seiten wurde den beiden Brüdern zu gewunken und dem Leutnant in seiner schmucken Uniform manch freundliches Wort des Wiedersehens zugerufen. Auf einigen Wäscheleinen hingen die frisch gewaschenen, weißen Schützenhosen. Fast an jedem Haus schwenkte bereits eine Fahne im leichten Sommerwind. All diese Vorbereitungen brachten eine festliche Stimmung ins Dorf. Nun würde erst einmal, außer der Versorgung des Viehs, alle Arbeit für drei Tage ruhen.

Als die beiden den großen Hof des Bauern Glautmann erreicht hatten, wo man auch emsig dabei war, alles auf Hochglanz zu bringen, verstummte ihr Gespräch. Man fuhr vorbei, ohne die Glautmanns eines Blickes zu würdigen. Umgekehrt verhielt man sich genauso und sah stur geradeaus. Die Familien Bender und Glautmann, Besitzer der größten Höfe im Dorf, waren sich spinnefeind.

Nach einer kurzen Wegstrecke war der Hof erreicht. Die Schwägerin Maria begrüßte den jungen Leutnant sehr herzlich und führte ihn gleich in die gute Stube, wo es erst mal Kaffee und den traditionellen Platenkuchen gab. Beim Erzählen waren die aufregenden Vorbereitungen für den kurzfristig angekündigten Besuch bald vergessen. Man genoss das beglückende, ruhige Beisammensein im elterlichen Hause und freute sich auf das gemeinsam zu erlebende Schützenfest. In der alten Kammer im ersten Stock war alles noch so wie früher. Seine Uniform legte er sofort ab und vertauschte sie mit einem Zivilanzug, den er sich extra für diesen Besuch in Berlin hatte schneidern lassen. Er schaute durch sein Kammerfenster und sah im Sonnenschein das seit seiner Kindheit vertraute Bild: auf dem Hinterhof der alte Brunnen mit dem Brunnenhäuschen, der Holzschuppen mit dem Hauklotz davor und das viele Gerümpel von Kampriegeln, Wagenteilen and alten Geräten. Dinge, die jahraus, jahrein sich anhäufen, aber nicht weggeschafft werden weil man sie vielleicht noch mal gebrauchen könnte. Durch ein Stankett vom Hinterhof getrennt liegt der große Hausgarten und dahinter die Kämpe, Äcker und Wiesen, die sich bis weit zu der Pappelreihe am Bach dahin ziehen. Auf der einen Seite der Hühnerhof und dahinter die Stallungen und Hausgärten der Nachbarn. Auf der anderen Seite schaut der Turm aus dem Grün der Baumgruppen des Kirchhofs hervor. Nahe dabei, in der einzusehenden Straßenkurve, liegt Glautmanns Hof, an dem sie stumm und grußlos vorbeigefahren waren.

Mit der Zwietracht der Familien Bender und Glautmann war es eine alte Geschichte. Es fing mit einem Erbstreit an, der fast 100 Jahre zurücklag und längst bedeutungslos geworden war. Die heutige Generation kannte gar nicht mehr alle Zusammenhänge und Phasen der alten Feindschaft. Die Geschichten wurden aber bei beiden Familien immer wieder aufgewärmt, wobei jede Seite den Erbstreit auf ihre Weise darstellte. So entstand mit der Zeit zwischen den Familien Bender und Glautmann eine Form von Hass, von der man sagt: "Sie können sich nicht riechen!". Dazu kam, dass die Familie Glautmann ein arrogantes Wesen an sich hatte, wodurch ihnen im Dorf wenig Sympathien entgegengebracht wurden. Da sie aber zu den großen, vierspännigen Höfen der Gemeinde gehörten, brachte man ihnen doch einen gewissen Respekt entgegen. Dagegen erfreuten sich die Benders großer Beliebtheit. Sie waren freundlich, hilfsbereit, fleißig und nahmen an allen Geschehnissen in der Gemeinde aktiven Anteil. Unter dem Bürgermeister Sieke, einem behäbigen Bauern, bilden alle Dorfbewohner eine feste Gemeinschaft. Nur Benders und Glautmanns gingen sich aus dem Weg, wo es nur möglich war. Kleine Gehässigkeiten zwischen den beiden Höfen sorgten dafür, dass die alte Feindschaft immer lebendig blieb. Allein die angrenzenden Grundstücke gaben dazu genügend Anlass. Mal handelte es sich um Abpflügen, mal langten die Kühe über die Weidenabriegelung und fraßen an den Kornähren, oder was es der Sachen mehr an "Grenzstreitigkeiten" gab. Auch gab es mit Nachbars Gräben, Hecken und Haustieren oft Gelegenheit, einen bösen Streit vom Zaun zu brechen.

Zu dem Erbstreit im vorigen Jahrhundert ist folgendes zu berichten.

Es war ein jahrzehntelanger Rechtsstreit, der durch viele Instanzen ging bis hin zum Reichsgericht nach Leipzig, wo er aufgrund eines hier geltenden alten Güterrechts entschieden wurde. Der damalige Kläger Heinrich Bender hatte zum Schluss den Prozess verloren. Der alte Hof der Benders wurde vor fast 100 Jahren Glautmanns Hof. Wie aus alten Akten ersichtlich, hat sich die Sache folgendermaßen zugetragen:

Im Jahre 1805 heiratete der älteste Sohn und Hoferbe Franz Caspar Bender die Tochter des Holzschuhmachers und Bauern Gröting. Nach einem Jahr wurde ihnen ein Sohn geboren, der den Namen Heinrich bekam. Drei Jahre währte das Glück des jungen Paares, aus dem keine weiteren Kinder hervorgingen, dann starb der Vater Franz Caspar Bender nach kurzem Krankenlager an der Cholera, einer Seuche, die damals, 1808, noch viele Opfer forderte. Die junge Witwe Sophie Bender hatte durch den traurigen Verlust ihres Mannes allein nicht die Kraft, den Hof voll zu bewirtschaften. Sie hatte zwar zwei Knechte und eine Magd sowie eine ältere Witwe, die ihr im Haushalt half, aber die Knechte machten hinter ihrem Rücken, was sie wollten. Immer wieder war es der Witwer Josef Glautmann, der ihr mit Rat und Tat unaufgefordert half. Er bewirtschaftete mit seinem Sohn einen kleinen Kotten am Dorfrand. Er hatte ein Auge auf die attraktive Bäuerin geworfen, und als er sie bat, seine Frau zu werden, willigte sie ein. Sie heirateten im Jahre 1810. Josef Glautmann, ein fleißiger, stämmiger Mann, brachte einen l4jährigen Sohn mit in die Ehe. Glautmann verpachtete seinen Kotten und bewirtschaftete den Hof mit seinem Sohn und den Knechten. Durch günstigen Zukauf beackerten sie bald 200 Morgen und gehörten damit zu den wenigen vierspännigen Höfen des Dorfes.

Der kleine Heinrich Bender, von zarter Gesundheit, wuchs unter der liebevollen Obhut der Mutter auf. Auch der Stiefvater und sein Stiefbruder waren zu ihm immer voller Herzlichkeit. So erlebte der Junge eine glückliche und unbeschwerte Kindheit. Die Mutter dachte noch im stillen Stunden an ihr kurzes erstes Eheglück und an ihren verstorbenen Mann, beteuerte ihm im Gebet ihre unverbrüchliche Liebe und bat, er möge ihr einen Rat eingeben, was sie mit dem Besitz machen solle, wenn die Kinder zu Männern herangewachsen seien, denn sie sah da eine Entwicklung kommen, die ihr ernste Sorgen machte.

Nach der Schulzeit half Heinrich auf dem Hof unter Leitung seines Stiefbruders, der nun schon 26 Jahre alt war und allein bestimmte, was gemacht wurde. Der Stiefvater war seit zwei Jahren durch einen Sturz vom Heuwagen gehbehindert und hatte seinem Sohn die Führung des Hofes voll übertragen. Heinrich, körperlich nicht so robust wie der junge Glautmann, wurde von seinem Stiefbruder immer mehr in die Rolle eines Knechtes gedrängt. Als er sich deshalb mal bei seiner Mutter beschwerte, meinte sie, es wäre jetzt wohl an der Zeit, offen über alles zu sprechen. "Du weißt, dass ich Dich sehr lieb habe und bei meiner Liebe zu Deinem verstorbenen Vater nur das Beste für Dich will. Lieber Heinrich, geh zu Deinem Onkel Peter, ich habe schon alles mit ihm besprochen und erlerne das Holzschuhmacher-Handwerk." Auf den Einwand Heinrichs, dass es doch blöd sei, wenn ein Bauer von 200 Morgen Land, dazu noch schuldenfrei, anfangen würde, Holzschuhe zu machen, antwortete die Mutter: "Mein lieber Junge, jetzt muss ich Dir viel leicht sehr weh tun, ich wollte eigentlich warten bis zu Deinem Geburtstag im nächsten Monat, aber dann wird es mir auch nicht leichter fallen.

Sieh, den Hof in seiner jetzigen Größe und seinem Ertragreichtum verdanken wir in erster Linie der Tüchtigkeit und dem Fleiß Deines Stiefvaters und Deines Stiefbruders, und Du wirst mit Deiner zarten Gesundheit nicht der Bauer werden, der solch einem arbeitsreichen Hof vorstehen kann. Für zwei ist später hier kein Platz, und Du, mein Sohn, sollst hier nicht der Onkel werden. Deshalb habe ich nach reiflicher Überlegung und Rücksprache mit Onkel Peter einer Erbregelung zugestimmt, die bereits vor einem Jahr notariell festgelegt wurde. Der Hof mit allem lebenden und toten Inventar gehört Deinem Stiefbruder. Du hast bis zu Deinem 21. Lebensjahr frei Kost und Wohnung, ob Du auf dem Hof hilfst oder nicht. Meine Bedürfnisse und Rechte sind bis an mein Lebensende gesichert. Du bekommst mit Deiner Volljährigkeit vom Stiefvater 20 Morgen Land und 1.000 Taler und Du erbst das gesamte Anwesen mit 40 Morgen von meinem Bruder Peter, Deinem Onkel. Wenn Du dann die Holzschuhmacherei erlernst und Onkel Peters Anwesen bewirtschaftest, bist Du körperlich nicht überfordert. Es wird Dir und Deiner Familie, die Du einmal gründen wirst, eine gesicherte Existenz sein." So, nun war es heraus. Die Mutter hatte sich das Gesagte in schlaflosen Nächten zusammengestellt und sich bemüht, alles so sachlich vorzutragen, wie der Notar die Erbregelung ihr und ihrem zweiten Mann vorgelesen hatte. Während sie sprach, sah sie in das erstarrende Gesicht ihres Sohnes, der mit leerem Blick vor ihr saß und kein Wort hervorbrachte, nachdem er gehört hatte, dass der Hof seinem Stiefbruder überschrieben war. Er war so schockiert, dass er das Weitere gar nicht mehr zur Kenntnis nahm. Der Mutter standen die Tränen in den Augen, aber sie trug ihm tapfer alles vor, was gesagt werden musste. Als sie mit den Worten: "mein lieber Junge" seine Hand ergreifen wollte, sagte er nur: "Lass mich", ging auf sein Zimmer und schloss sich ein. Die ganze Nacht bangte die Mutter um ihn, dass er sich was antun könnte. Jede Stunde ging sie zu seiner Tür und nach langem Klopfen erhielt sie immer wieder die gleiche Antwort: "Lasst mich in Ruhe". Am frühen Morgen hörte die Mutter, wie er das Haus verließ. Sie stand auf und sah, wie er mit einem kleinen Koffer den Fußweg entlang der Weide ging, der hinter den Nachbarhöfen zur Straße führt, an der ihr Bruder Peter wohnt. Sie war erleichtert.

Heinrich Bender wurde bei Tante Else und Onkel Peter herzlich aufgenommen, nachdem er ganz verstört am Morgen zu ihnen gekommen war. Sie wussten von der Erbregelung und hatten ihr, wenn auch mit gemischten Gefühlen, zugestimmt. Es schien aber, dass Heinrich nur schwer oder gar nicht von der Richtigkeit der Regelung zu überzeugen war.

Onkel Peter Gräting, ein Junggeselle, schon die Fünfzig überschritten, hatte vor dem Dorf ein kleines Anwesen, wo er seine Holzschuhmacherei betrieb. Nebenher bewirtschaftete er mit seiner ebenfalls ledigen Schwester, der Tante Else, die kleine Landwirtschaft. Ihre Viehwirtschaft umfasste zwei Kühe, zwei Schweine und eine Schar Hühner. Wenn ein Pferd benötigt wurde, lieh er sich das von Benders aus. Als Gegenleistung lieferte er Holzschuhe für die Familie. Onkel und Tante hatten ihren Neffen Heinrich in ihr Herz geschlossen. Er war oft bei ihnen und er fühlte sich in dem so idyllisch gelegenen, von hohen Eichen umgebenen Fachwerkhaus wie zu Hause. Tante Else war eine stattliche und hübsche Frau mit sanftem Wesen. Abends, wenn die Arbeit ruhte, oder sonntags saß sie oft still, die Hände im Schoß liegend, den Blick in die Ferne gerichtet, und dachte an ihren Verlobten, Werner Westmann, der sich an einem schönen Morgen des Jahres 1812 auf baldiges Wiedersehen verabschiedet hatte. Er musste einen Pferdetransport für das napoleonische Heer nach Braunschweig begleiten. Er kehrte nie mehr zurück, alle Nachforschungen blieben erfolglos. Es ist anzunehmen, dass man Westmann gezwungen hat, den Ostfeldzug mitzumachen und in Russland umgekommen ist.

Auf dem Hof, der jetzt den Namen Glautmann trug, war nach dem Fortgang des jungen Bender eine gedrückte Stimmung. Der Mutter nahm es allen Lebensmut, dass ihr geliebter Sohn Heinrich sie ohne Gruß und ohne Verständnis verlassen hatte. Sie hoffte, dass er bald wieder den Weg zu ihr finden würde und einsah, dass sie nur aus Liebe zu ihm alles so geregelt hatte.

Ein Jahr war seit der Trennung vergangen, Heinrich hatte die Mutter noch nicht wieder gesehen. Nur durch den Onkel Peter, der öfter zu seiner Schwester auf den Hof kam, wechselte man Grüße. Die Mutter vermisste ihren Sohn und Heinrich seine Mutter. An einem schwülen Sommerabend, Onkel Peter die Tante und Heinrich saßen vor der Tür und beobachteten das Wetterleuchten am Horizont, da kam eine Magd von Glautmanns gelaufen. Sie brachte einen Gruß von Heinrichs Mutter, die ihren Sohn bat, sofort zu ihr zu kommen, sie würde die Nacht nicht überleben. Er zauderte keinen Augenblick und folgte der Magd mit eiligen Schritten. So betrat er noch einmal sein Elternhaus, um am Sterbebett seiner Mutter niederzuknien. Sie lächelte, als sie die Hand ihres Sohnes hielt und bat ihn um Verzeihung, dass sie ihm so weh tun musste. "Mein lieber Sohn, bald werde ich beim Vater sein, und ich hoffe, alles so recht gemacht zu haben, wie er es mir eingegeben hat." Heinrich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und fand die Worte: "Mutter, ich liebe Dich und Du wirst immer in meinem Herzen sein." Er spürte den sanften Druck ihrer Hand, dann verschied sie mit verklärtem Lächeln. Heinrich drückte ihr die gebrochenen Augen zu und verließ das Zimmer, ohne den Stiefvater und seinen Stiefbruder, die gesenkten Hauptes am Fußende des Bettes standen, auch nur eines Blickes zu würdigen. Er hat den elterlichen Hof zeitlebens nicht mehr betreten.

Heinrich erlernte bei seinem Onkel die Holzschuhmacherei. Nachdem der Onkel nach einigen Jahren an einer Lungenentzündung gestorben war, lebte er mit der Tante noch eine Zeit lang allein. Im Jahre 1832 heiratete er die einzige Tochter und Erbin vom benachbarten Hof, Theresia Baumann. Aus dem ererbten Besitz vom Onkel, der überschriebenen 20 Morgen vom Stiefvater und dem Erbe seiner Frau entstand der neue Hof Bender der nun ebenso groß war wie der Hof von Glautmanns.

Heinrich Bender starb im Jahre 1891. Sein Sohn Josef, der Vater von Johannes und Caspar Heinrich Bender, wurde 1833 geboren und starb 1902 im Alter von 69 Jahren. Er hatte bei der preußischen Armee als Kavallerist gedient, hatte den siegreichen Feldzug 1870/71 mitgemacht und sich dabei durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet. In der denkwürdigen Schlacht um Gravelotte hatte er dem Rittmeister seiner Schwadron, Clemens v. Godelack, das Leben gerettet und wurde dafür mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet. Der Rittmeister blieb dem schneidigen Kavalleristen auch später sehr verbunden und ermöglichte es seinem Sohn Johannes, der bis zum Abitur das Gymnasium besuchte, in die Kadettenschule nach Hannover zu kommen. So war des Vaters sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen, dass sein Sohn Johannes, der schon als Junge ein besonderes Reittalent zeigte, Berufsoffizier in dem Regiment wurde, in dem er einst gedient hatte.

In seinem Regiment in Berl in war Leutnant Bender beliebt, im Kasino ein gern gesehener Kamerad und in der Berliner Gesellschaft, wo die Kavallerieoffiziere zu verkehren pflegten, ein immer willkommener Gast. Von seinem Freund, dem Leutnant Bruno v . Rackewitz, der sich gern von den meist dekadenten adeligen Kameraden distanzierte, war er in die exklusiven Kreise der Reichshauptstadt eingeführt worden. Baron v. Rackewitz hatte ihm auch die Spielregeln der Berliner Gesellschaft beigebracht, ohne die er in seiner schlichten provinziellen Art in diesen bornierten und aufgetakelten Kreisen nicht hätte bestehen können. Die dicke Freundschaft der beiden Offiziere verschiedener Herkunft war dadurch zustande gekommen, dass Bender dem Baron v. Rackewitz in einer äußerst peinlichen Sache selbstlos geholfen hatte. Seitdem fühlte sich Rackewitz zu dem kernigen Westfalen und seinem treuen natürlichen Wesen hingezogen. Der Militärdienst, das turbulente Leben in Berlin und die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen nahmen die beiden Offiziere voll in Anspruch. Einmal in der Woche aber verließen die beiden Freunde, die noch keine festen Bindungen zum anderen Geschlecht hatten, die Pfade der "wohlanständigen Gesellschaft", um sich diskret und umsichtig in ein anderes Milieu zu begeben, in die halbseidene Berliner Lebewelt, wo sie sich von der Etikette, den standesgemäßen Verpflichtungen und dem strengen Dienstreglement erholen" konnten. Davon später mehr!

Das Schützenfest in Helhausen am Samstag und Sonntag bei strahlendem Sonnenschein und lauen Nächten war für den Leutnant ein Erlebnis, das ihn Berlin und den militärischen Dienst vergessen ließ. Mit Begrüßen und Erzählen, mit Tanzen und Trinken im Kreise von Freunden und Bekannten vergingen die Stunden wie im Fluge. Nach der beschwingten und weinseligen Ballnacht vom Sonntag auf den Montag schlief er fest und tief. Am Morgen, noch müde von der durchtanzten Nacht, machte er sich auf, um beim Vogelschießen zuzusehen. Das Schießen auf den Vogel währte schon zwei Stunden. Die Krone war schon gefallen. Vom Vogel saß nur noch der Rumpf auf der Stange und es sah so aus, als würde es noch eine Zeit dauern, bis das letzte Stück fallen würde. Der Vogelrumpf schien sehr zäh zu sein, denn so oft er auch getroffen wurde, es fielen nur Splitter zu Boden, und das Holz drehte sich nach jedem Schuss auf der Stange. Die Schlange der anstehenden Schützen wurde immer kürzer, denn jetzt schossen nur noch, die ernsthaft König werden wollten, oder solche, die glaubten, noch einen Schuss auf den zähen Vogel machen zu können, ohne dass er runterfallen würde. So schoss man nun schon einige Stunden auf das Holz, aber es war wie verteufelt, entweder schluckte der Vogel die Kugeln oder sie gingen hindurch. Der Oberst meinte schon, eine Salve mit Jagdflinten würde ihn sicher mürbe machen, doch die anderen Offiziere waren dafür, lustig weiter zuschießen, denn erstens mache es den Schützen Spaß und zweitens käme Geld in die Vereinskasse. Was den zähen Vogel betraf, wurde der Verdacht geäußert, dass der Meister Craning den Schützen mal wieder einen Streich gespielt hatte, indem er für den Rumpf des Vogels eine zähe Weidenwurzel einige Monate in Salzlake gelegt hatte und das Holz damit so zäh wie Gummi wurde. Solch einen Vogel hatte man schon mal vor zwanzig Jahren auf der Stange gehabt, der wollte und wollte nicht fallen, da war man in der Wahl der Schützen nicht mehr so genau gewesen, Hauptsache, der Vogel wurde erst mal mürbe.

So schoss auch Henneken Franz, ein etwas einfältiger Kuhhirte, den man den "drüggen Pitt" nannte. Er holte ihn mit einem Zufallstreffer zum Entsetzen der Offiziere von der Stange und war nun der Satzung nach, wo es heißt "ohne Ansehen der Person", Schützenkönig. Der Oberst rief: "Das kann doch nicht wahr sein." Der Vorstand war ratlos und diskutierte eifrig, aber dann entschied der Oberst: "Pitt hat den Vogel abgeschossen und damit ist er Schützenkönig, basta, da gibt es kein Diskutieren, das haben wir den Schießoffizieren zu verdanken." Unter Johlen und Hurrarufen wurde der Pitt damals zur Theke getragen. Der Königsoffizier machte ihn, ironisch lächelnd, darauf aufmerksam, dass er nun nach alter Sitte ein Fass Bier stiften müsse. Ehe er aber deswegen in Verlegenheit kam, rief der Bürgermeister, dem die Sache Spaß gemacht hatte und der sich im Stillen oft über den allzu ernst genommenen Schützengeist amüsierte: "Ein Fass für König Pitt auf meine Rechnung." Pitt strahlte über das ganze Gesicht und wartete, was da nun kommen würde. Weil der Bürgermeister so gut zu ihm war, wollte er die Frau des Bürgermeisters zur Königin haben.

Dieses "Ungeheuerliche" konnte man ihm bald ausreden, mit dem Hinweis, dass ein Lediger nur eine Ledige zur Königin nehmen könne. Darauf sagte er prompt: "Dann nehme ich Mia zur Königin." Damit meinte er die Stallmagd auf einem Gutshof im Nachbarort. Auch dies Konnte man abwenden mit dem Hinweis, dass die Königin nach alter Tradition aus dem Ort sein müsse. Man hatte schon Angst davor, was er sich nun für eine wählen würde, denn selbst hatten sie kein Mädchen vorzuschlagen, die im Entferntesten gewillt wäre, dem Pitt als Königin zur Seite zu stehen. Nach einigen Überlegungen meinte Pitt grinsend: "Die Haushälterin vom Pastor will ich zur Königin haben." Vorerst war man erleichtert, aber man hegte keine Hoffnung, dass die Auserwählte ja sagen würde, und wenn ja, dann war da noch der sittenstrenge Pastor, der es erlauben musste. Als dann zwei Offiziere mit wenig Hoffnung zum Pastor gingen und ihr Anliegen ganz verlegen vortrugen, mit der Einleitung, man habe diesmal Pech gehabt, der drügge Pitt sei durch Zufall König geworden, und nun habe er die Haushälterin vom Herrn Pastor zur Königin auserkoren, sahen sie dabei den Pastor so unglücklich an, als befürchteten sie, wegen eines solchen Anliegens kurzerhand aus dem Haus gewiesen zu werden. Doch zu ihrem Erstaunen lächelte Hochwürden, und da er den Pitt kannte und seiner oft schnippischen und neugierigen Haushälterin diese "Ehre" mit nicht zu verbergender Schadenfreude gönnte, sagte er: "Meinen Segen habt Ihr, jetzt müsst Ihr Euch mit der guten Seele einig werden." Er läutete nach ihr, brauchte aber nicht lange zu warten, denn sie hatte hinter der Tür gestanden und alles mit angehört. Bevor der Pastor etwas sagen konnte, rief sie erregt: "Hochwürden, das kommt gar nicht in Frage, das ist eine infame Frechheit mir einen solchen Antrag zu machen. Hochwürden, das können Sie nicht von mir verlangen." Der Pastor fiel ihr ins Wort und sagte beschwichtigend: "Aber, aber, Fräulein Schulte, ehe Sie ablehnen, möchte ich Sie nebenan noch mal alleine sprechen." Während die abgesandten Offiziere ziemlich verdattert warteten, hörten sie aus dem Nebenraum, des Pfarrers Studierzimmer, erst heftige Gespräche, deren Inhalt man aber wegen der zwei gepolsterten Türen

nicht verstehen konnte, dann wurde die Unterhaltung leiser und endlich, nach einer halben Stunde, kam der Pastor mit seiner Haushälterin heraus . Sie sagte zu den Offizieren, etwas süßsauer lächelnd: "Ich nehme die Wahl an." Was da zwischen dem Pastor und seiner Haushälterin, Maria Katharina Schulte, besprochen wurde, ist ein Geheimnis geblieben. Es grenzte an ein Wunder, dass die Haushälterin nun bereit war, Königin zu werden. Es wurde ein tolles Schützenfest, beide hatten ihre Sache gut gemacht und man kam allgemein zu der Erkenntnis, dass auch der Dümmste König sein kann.

So verging die Zeit unter der Vogelstange mit Erzählen von Dönekes und alten Schützenfesterlebnissen. Der Bierstand in der Nähe der Vogelstange war umringt von Schützenbrüdern, die jeden abgegebenen Schuss auf seine Wirkung beobachteten. Währenddessen waren die Bierzapfer unentwegt dabei, für die durstigen Kehlen die Gläser zu füllen. Auf dem Rasen lagen schon einige leere Fässer und eine Reihe leerer Steinhägerkrüge. Die Sonne meinte es besonders gut. Die Gesichter waren von Hitze und Alkohol gerötet und die Stimmung wurde immer fröhlicher und lauter. Die Zuschauer wurden aber doch langsam ungeduldig. Den Blick blinzelnd zum Vogel gerichtet meinte man, dass er doch bald fallen müsse. Leutnant Bender war nun auch näher zur Stange gegangen, um das Schießen besser verfolgen zu können. Da rief von der Theke ein Schütze: "Mensch Bender, nicht zugucken, sondern schießen! Zeig mal, was Du kannst!" In diesem Augenblick wurde dem Max Glautmann, dem Jungbauern vom verfeindeten Hof, das geladene Gewehr für den nächsten Schuss überreicht. Er hatte die Aufforderung an Bender gehört und drehte sich um und rief, mehr gehässig als scherzhaft, vom Alkohol schon etwas angekratzt, zu den Schützen an der Theke: "Ulanen, die können wohl Pferde schinden, aber vom Schießen haben die keine Ahnung." Er sagte zu Bender in abfälligem Ton: "Hier Leutnant Bender, kannst meinen Schuss haben, vielleicht fällt ein Splitterchen ab, damit Deine Offiziersehre gerettet ist, aber ich wette, das wird nur ein Loch in die Luft." Bender, seiner Schießkunst sicher, ging sofort darauf ein, denn er wusste, wenn er jetzt kniff, würde die Spotterei kein Ende nehmen. Die anstehenden Schützen noch die Schießoffiziere hatten etwas dagegen einzuwenden, und so nahm er das Gewehr, dass ihm von Glautmann mit hämischem Grinsen überreicht wurde. Er ließ sich aber von den Offizieren zeigen, dass sich im Lauf wirklich eine scharfe Patrone befand. Dies hatte schon seine Berechtigung, denn es war ein offenes Geheimnis, dass man für Schützen, die nicht König werden sollten oder wegen Trunkenheit nicht voll dabei waren, Platzpatronen bereit hatte, die ebenso schön knallen wie scharfe Munition.

Mit ruhiger Hand legte der geübte Schütze an, der Schuss brach. Alle starrten diesmal gespannt nach oben. Da! Das Holzstück in der Mitte getroffen, so dass es sich nicht mehr drehen konnte, fiel zu Boden. Johannes Bender war König! Bender starrte entgeistert nach oben, als wenn er es nicht glauben könnte. Auch die Schützen waren einen Augenblick so baff, dass es eine Weile dauerte, bis sie in Jubel ausbrachen, in Hoch- und Hurra-Rufen.

Johannes Bender konnte es noch gar nicht fassen, was da so schnell und unerwartet über ihn gekommen war. Er wurde von den Schützen auf die Schultern genommen und unter dem Jubel der Zuschauer, die so lange auf den Königsschuss hatten warten müssen, ins Festzelt getragen und auf die Theke gestellt. Bender hatte währenddessen seine Haltung wieder gewonnen und sprach, als stünde er vor seiner Schwadron: "Kameraden, ich bin stolz darauf, Schützenkönig von Helhausen zu sein, und danke dem Schützenbruder Glautmann, dass er mir zu dieser Ehre verholfen hat." Max Glautmann war aber nicht mehr anwesend. Nachdem der Vogel gefallen war, starrte er ebenso ungläubig wie Bender nach oben, gab einen derben Fluch von sich und ging nach Hause. In dem Trubel wurde er auch nicht vermisst. Bender ließ geduldig alle Zeremonien über sich ergehen und sorgte dafür, dass es an Freibier nicht mangelte. Auf die Frage der Königsoffiziere, wen er sich zur Königin nehmen wolle, überlegte er und sprach mit in die Ferne gerichtetem Blick: "Josephine, ja, Josephine Schulte, die Tochter unseres Obersten und Bürgermeisters." Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann sahen sich die Offiziere betroffen an. Der Älteste sagte daraufhin zu Bender: "Weißt Du auch, dass der Glautmann mit Josephine geht und die beiden sich Weihnachten verloben wollen?" Darauf Bender, schon in gehobener Stimmung: "Ist ja herrlich, Glautmann hat mir zur Königswürde verholfen, dann soll seine Zukünftige auch Königin werden."

Als man den Oberst davon verständigte, dass seine Tochter Königin werden sollte, war er nicht davon erbaut, denn er fürchtete, dass sein zukünftiger Schwiegersohn, ein Hitzkopf, sicher Ärger machen würde und Zwietracht in den Verein käme. Aber er als Oberst konnte Josephine nicht davon abhalten, das musste sie selbst entscheiden.

So fuhren die Offiziere mit gemischten Gefühlen zum Schultenhof, um Josephine den Wunsch des Königs zu überbringen. Josephine Schulte, eine selbstbewusste Junglehrerin von 25 Jahren, war zum Erstaunen der Offiziere sofort freudig bereit. Als Max Glautmann davon hörte, eilte er zu Josephine und machte ihr Vorhaltungen, wies auf die alte Feindschaft mit den Benders hin und verlangte, dass sie ihre Zusage rückgängig mache. Sie machte ihn aber darauf aufmerksam, dass sie als die Tochter des Obersten und Bürgermeisters eine solche Würde nicht abschlagen könne, und was die anderen Bedenken anginge, so wäre sie da ganz anderer Ansicht. "Es muss doch mal endlich Schluss sein mit den alten Geschichten zwischen Euch Hitzköpfen. Der

alte Streit hat mir unserer Generation überhaupt nichts mehr zu tun und muss endlich begraben werden. Eifersüchtig brauchst Du schon gar nicht zu sein, ich werde mich an Benders Hans nicht vergucken, aber ich werde mich bemühen, Vermittlerin zwischen Euch beiden zu sein, und da ist der Königstisch gerade der richtige Platz." Max Glautmann wusste nichts zu erwidern und meinte nur zu sich selbst: "Die verdammten Weiber bringen doch alles durcheinander." Er ließ sich an dem Montag nicht mehr auf dem Festplatz blicken. Er war über sich selbst, über seine Freundin und über den Bender wütend. Er schwor, ihnen den Spaß zu verderben. Jetzt würde er dafür sorgen, auch wenn er sich dabei lächerlich machte, dass sie ihn bald heiraten musste, ehe der Herbst kommt, würde sie schwanger sein. Diese Idee kühlte seine Wut und ließ ihn bei seinen Freunden gelassen erscheinen, wenn die Rede auf das neue Königspaar kam.

Leutnant Bender verlebte noch viele schöne, unbeschwerte Tage in Helhausen. Durch seine Königswürde war er Mittelpunkt der Dorfgemeinschaft geworden. Auf verschiedenen privaten Feiern, die vom Hofstaat und den Offizieren veranstaltet wurden, konnte er alte Bekanntschaften und Freundschaften wieder auffrischen. Seine Königin hatte es fertig gebracht, dass Max Glautmann auch zu diesen Feiern kam. Er hatte sogar einmal mit dem König angestoßen, blieb aber sonst gegen Johannes mehr als reserviert. Eines guten Tages waren die schönen Urlaubstage von Helhausen vorbei.

An einem Augusttage, in aller Frühe, verabschiedete Johannes sich von Bruder und Schwägerin auf dem Bahnhof. Von seinem Abteil aus sah er noch mal Helhausen in der Sonne liegen. Bald waren die letzten Häuser und der Kirchturm seinen Blicken entschwunden. Er schloss die Augen und dachte noch einmal an seinen Urlaub und das Schützenfest zurück. So was Verrücktes, er hatte dieses Fest immer als Dorfrummel und Spießbürgerfest bezeichnet, und nun war er Schützenkönig geworden und ausgerechnet der Glautmann musste ihm dazu verhelfen! Seine Gedanken verweilten noch eine Zeit beim Schützenfest, bis ihn das gleichmäßige Rollen der Räder und das leichte Schaukeln des Zuges eingeschläfert hatten. Als er durch das ruckartige Halten auf einer Station erwachte, hatte ihn der Zug schon weit über die Weser getragen. Seine Gedanken wanderten nun nach Berl in rüber, wo ihn morgen der Dienst wieder erwartete. Seinen Kameraden würde er von seiner Königswürde nichts erzählen. Besonders für die eingebildeten Ostjunker wäre das ein gefundenes Fressen und man würde ihn trotz seiner gesellschaftlichen Gewandtheit für einen Provinzler halten, der sich von seinem elterlichen Misthaufen nicht lösen kann. Außerdem konnte die ganze Sache disziplinarische Folgen haben oder man vermasselte ihm im kommenden Jahr den Urlaub für die Schützenfesttage. Die alten standesbewussten Offiziere hatten für derartige Feste sowieso kein Verständnis und waren oft bemüht, die jungen Offiziere in peinliche Situationen zu bringen, bei denen sie dann beweisen konnten, wie ein Offizier seine Ehre verteidigt und die Sache meistert.

In Berlin nahm Leutnant Bender der Dienst, das Casino-Leben sowie die gesellschaftlichen Verpflichtungen, die er größtenteils seinem Freunde v. Rackewitz zuliebe mitmachte, wieder voll in Anspruch. Diesem Freund erzählte er von seinen Erlebnissen in der Heimat. Bruno v. Rackewitz war ein Kamerad, mit dem man Pferde stehlen konnte, wie man so sagt, und ein Freund, der alles mitmacht. Er bat Johannes schon jetzt darum, ihn beim Schützenfest mit zunehmen. Das würde ein Spaß werden, er könnte mal ein Dorffest mitmachen, wozu er in seiner Heimat keine Gelegenheit habe. Man kam überein, dass er als Schütze mitmachen solle. Sein Bruder in Helhausen würde alles erforderliche bewerkstelligen.

So vergingen die Monate. Die beiden verband aber noch ein anderes Geheimnis. Es wäre von der Moral der jungen Leutnants zuviel verlangt, nur tugendhaft und steifvornehm die Freizeit im Casino unter alten Offizieren oder im Kreise prüder Salons unter Klatschtanten und Müttern mit heiratsfähigen Töchtern zu verbringen. Die jungen Leutnants hatten fast alle irgendeine Beziehung zum weiblichen Geschlecht, sei es eine Braut, eine flüchtige Romanze, ein handfestes Verhältnis zu einer liebeshungrigen Dame und was es der Möglichkeiten mehr gibt. Viele fanden auch den Weg zu verschwiegenen Etablissements mit halbseidenen Damen. So auch Leutnant Bender und sein Freund v. Rackewitz, die in keiner Woche versäumten, den "Bade und Massage-Salon für Herren Nina" zu besuchen. Dieser "Salon" wurde von Madame Malösch geführt, man nannte sie respektlos und frivol "die alte Mösch". Ihr Etablissement war das teuerste in Berlin. Dafür bot es moderne Räume, die mit allem Luxus ausgestattet waren. Was die beiden dorthin zog, war nicht nur ein erfrischendes Bad zu nehmen und sich von den Damen durchkneten zu lassen, sondern mit der jungen, hübschen Badenixen ein Schäferstündchen zu verbringen. Was hier getrieben wurde, war eine heimliche Prostitution besonderer Art. Die Besitzerin Madame Alwine Malösch war eine attraktive, blonde Endvierzigerin, liebenswürdig, gepflegt, mit feinen Manieren und ausgewähltem Sprachschatz. Über ihre Vergangenheit wusste man nichts, angeblich war sie Witwe. Sie hatte eine 22jährige Tochter, Eleonore, die in einem Schweizer Pensionat erzogen war. Seit zwei Jahren war sie Gesellschafterin bei einer alten adeligen Dame. Madame Malösch war klug, geschäftstüchtig

und geizig und führte ihren Betrieb mit Umsicht und Raffinesse. Sie hatte ein gutes weibliches Herz, aber ihre eigene Moralansicht von Liebe und Liebeslust. Ihr "Salon" wurde nur von Kunden aus besseren Kreisen besucht. Nur "Eingeweihte" wussten, dass hier die Liebe käuflich war. Madame tat aber so, als wüsste sie von all dem Treiben nichts. Die Bade- und Massageräume betrat sie nie. Sie beschäftigte einen Hausmeister, der auch die Heizung bediente, die erfahrene Masseuse Wanda, die ihre Vertraute war, und fünf bis sechs junge attraktive Mädchen. Für den ahnungslosen Badegast waren sie nur freundliche Masseusen und "Helferinnen".

Die Hauptfigur des Personals war die Wanda, eine schon reifere, stattliche Frau mit üppigem schwarzem Haar, die von den Mädchen "Mona Lisa" genannt wurde. Sie war eine emigrierte Russin und erinnerte wirklich

an das berühmte Porträt mit dem lächelnden Mund. Sie war freundlich, aber wortkarg und reserviert. Man hatte den Eindruck, dass sie aus gutem Hause kam, viel erlebt hatte und eine gute Menschenkenntnis besaß. Die Mädchen, hatte sie fest im Zuge und war trotzdem deren engste Vertraute.

Wie aus den Tagebuchaufzeichnungen zu ersehen ist, wurden dem Leutnant Bender und seinem Kameraden Baron v. Rackewitz die Zeit in Berlin nicht lang. Außerhalb des Dienstbetriebes amüsierte man sich auf den Gesellschaften, die den Kavallerieoffizieren je nach Jahreszeit geboten wurden, und nicht zuletzt die kleineren Abenteuer bei Madame Malösch. Tagebuchaufzeichnung Berlin, 8. Juli 1905: "Urlaub für Schützenfest genehmigt. Habe beim Stab Hochzeit meines Bruders angegeben. Bruno kommt mit. Telegramm an Heinrich abgeschickt. Fahren nächsten Freitag mit Nachtzug."

In Helhausen hatte man bereits mit den organisatorischen Vorbereitungen für das Schützenfest begonnen. Die Königin hatte ihren Hofstaat zusammengestellt. Sie drang bei den Damen darauf, dass alle besonders elegant gekleidet und frisiert sein sollten, denn Bender würde sicher Gäste mitbringen, und man solle nachher nicht sagen, wir wären Hinterweltler. Aus dem Plan von Max Glautmann, der Königin durch eine Schwangerschaft die Teilnahme am Schützenfest unmöglich zu machen, war nichts geworden. Josephine hatte seinen Plan bald durchschaut. Sie hatte nun darauf bestanden, dass die für Weihnachten geplante Verlobung für ein Jahr verschoben würde, mit der Begründung, dass sie bei seinem eifersüchtigen Gehabe und seiner feindlichen Einstellung zu Bender nicht Königin sein könne.

In Berl in war plötzlich auf Johannes Bender etwas zugekommen, was ihn so stark berührte und aus der Fassung brachte, dass die Vorfreude auf das Schützenfest verflogen war. Tagebucheintragung 10. Juli 1905: " Heute mit Bruno in "Nina" gewesen, Elbi deprimiert angetroffen. Sie weiß seit einer Woche, dass sie schwanger ist. Sie behauptet, das Kind sei von mir, weil sie seit einem Jahr nur mit mir verkehrt habe, will aber keinerlei Ansprüche stellen, weil sie mich liebe. Ob ich es war, weiß ich nicht, wird sie auch nicht beweisen können. Sie weiß nicht, was sie machen soll, sie schwankt zwischen Selbstmord, Abtreibung oder Rückkehr zu den Eltern. Ich werde ihr helfen müssen. Ich habe sie trotz ihres Tuns gern, Berlin war ihr Unglück, sie hätte eine gute Frau werden können. Sie ist eine schöne Frau mit ihrem dunkelbraunen, ins rötliche schimmernden Haar, ihrem hübschen Gesicht mit etwas slawischen Zügen, den dunklen Augen, die noch beim Lachen schwermütig schauen, und ihrer ebenmäßigen Figur. Der Duft ihrer Haut, sie nimmt nie Parfüm, hat auf mich schon bei dem ersten Besuch im Salon betörend gewirkt. Niemand sieht ihr an, dass sie seit zwei Jahren Liebesdienerin ist. Sie behauptet, seit unserer Bekanntschaft nicht mehr mit anderen Männern verkehrt zu haben, was ich ihr sogar glaube, denn sie hat ein offenes Wesen und kann nicht lügen, eine geborene Hure oder Nymphomanin ist sie bestimmt nicht. Madame Malösch weiß noch nichts von ihrer Schwangerschaft." Tagebucheintragung 11. Juli 1905: "Heutigen Abend mit Bruno auf der Bude gehockt, wir haben zwei Flaschen Wein getrunken und dabei über Elbi diskutiert. Erst waren wir für Abtreibung, die Kosten würde mir Bruno vorstrecken. Wir sind jedoch zu der Überzeugung gekommen, Elbi davon abzuraten, sie würde dann nur noch tiefer in die Prostitution absinken. Bruno hat einen genialen Gedanken, der auch mich begeistert. Wir nehmen sie nächsten Freitag mit nach Helhausen zum Schützenfest und verkuppeln sie an einen Bauernsohn. Eine verruchte und zugleich gute Tat, wir werden mit Elbi sprechen. In seiner etwas frivolen Art meinte Bruno: "Deiner Pommerschen Zuchtstute werden wir in Helhausen eine gute Weide besorgen."

Tagebucheintragung 12. Juli 1905: "War mit Bruno bei Madame, sie wusste jetzt von der Schwangerschaft, hat Elbi einen Arzt empfohlen, will aber nichts mit der Abtreibung zu tun haben, Elbi müsste die Sache selbst in die Wege leiten, sie wird von nichts wissen. Als wir ihr unseren Plan, die Elbi zu verheiraten, mit allen ausgedachten Einzelheiten unterbreitet hatten, war auch sie davon begeistert. Elbi saß verweint und verstört auf dem Sofa wie ein junges Mädchen voller Liebeskummer. Ich setzte mich zu ihr, legte den Arm um ihre Schulter, was sie gern geschehen ließ. Sie war so anlehnungs- und hilfsbedürftig. All ihre raffinierte Selbstsicherheit war verschwunden."

Tagebucheintragung 13. Jul i 1905: "War wieder mit Bruno bei der Malösch. Haben überlegt, wer alles mit nach Helhausen fährt. Bruno, dem die Sache einen Mordsspaß zu sein scheint, hat auch noch seine mondäne Cousine Sophie von Elk für den Coup begeistert. Sophie von Elk, 26 Jahre alt, Eltern sehr begütert, lebt in Berlin, angeblich um zu studieren. Sie ist voller Witz und Esprit. Kämpferin für die Emanzipation der Frau, zu allem Unfug bereit. In Berlin ist sie in allen Salons gern gesehen. Bruno sagt, er habe sie in alles eingeweiht, auf ihre Verschwiegenheit könne man bauen. Sie will Elbi und Eleonore mit eleganter Garderobe aushelfen. Bei allen ist die Begeisterung für die Teilnahme am Fest so groß, dass bald gar nicht mehr von meinen Problemen die Rede ist. Ich muss schon selbst darauf achten, dass man beim Feiern nicht vergisst, dass wir Elbi dort unter die Haube

bringen wollen. Dazu müssen wir mit aller Diplomatie vorgehen, denn wenn die meinen, auf dem Lande wohnen nur einfältige Menschen da sind sie aber gewaltig im Irrtum. Die Rollen sind verteilt und jeder weiß, was er zu tun oder zu lassen hat. Für mich ist das Ganze ein gewagtes Unternehmen, denn würde alles herauskommen, wäre mein Bruder und seine Familie für alle Zeiten blamiert und ich könnte mich nicht mehr in Helhausen sehen lassen.

Sicher gäbe es dann auch jemanden, der es dem Stabe anzeigte, damit wäre auch meine Karriere dahin. Somit werde ich darauf achten, dass keiner in Helhausen zuviel trinkt oder aus der Rolle fällt. Es fahren nun endgültig mit: "in der Rolle einer Anstandsdame Frau Malösch als verwitwete Gutsfrau aus Ostpreußen, die in Berlin von der Pacht lebt, ihre Tochter Eleonore als meine Braut, Elbi, Tochter eines Bauern in Pommern, Internatsfreundin von Eleonore, zur Zeit in Berlin, um bei der alten adeligen Dame, bei der Eleonore als Gesellschafterin ist, die feine Küche zu erlernen, Bruno, und Sophie von Elk als seine Cousine. Habe Heinrich geschrieben, dass alle Damen in den Hofstaat müssen, zumindest sollen sie am Königstisch Platz nehmen können. Bruno wird bei uns schlafen. Wir werden den Nachtzug nehmen damit wir Freitag früh dort sind."

Pünktlich mit dem Frühzug kam die ganze Gesellschaft am Freitagmorgen auf dem Bahnhof der Kreisstadt an. Zwei Kutschen brachten sie nach Helhausen, bei strahlendem Sonnenschein war es eine Paradefahrt mit den elegant gekleideten Damen.

Die Königin Josephine hatte es so geregelt, dass Madame Malösch und Eleonore in ihrem Hause unterkamen. Elbi und Sophie sowie Johannes and Bruno auf dem Hof Bender. Einstimmig wurde vom Schützenvorstand und den Hofdamen beschlossen, dass die Gäste zum Hofstaat zählen.

Tagebucheintragung Mittwoch, 21. Juli 1905: "Das Schützenfest war herrlich, alle Tage Kaiserwetter. Gott sei Dank ist alles ohne Blamage abgelaufen, es hat besser geklappt als vermutet. Elbi ist so gut wie unter der Haube." Glautmanns Max war sofort in Elbi verknallt, was mich insgeheim direkt eifersüchtig machte. Er wachte schon am Samstag darüber, dass sie immer in seiner Obhut blieb. Eleonore, die am Samstag neben Max saß, hat die Elbi an ihn verkuppelt. Sie hatte zu Max nur gesagt, er solle sich doch etwas um ihre schüchterne Freundin Elbi kümmern, er solle mit ihr tanzen, damit sie da nicht so wie ein Mauerblümchen sitze, seine Braut, die Königin, werde sicher nichts dagegen haben. Eleonore wollte damit nur erreichen, dass dann auch andere Burschen den Mut bekamen, mit der "eleganten Dame" aus Berlin zu tanzen, woraus sich dann mit Elbis weiblicher List ein Verhältnis entwickeln sollte. Elbi sah in ihrem, mit viel Spitze besetztem altrosa Seidenkleid wie eine Prinzessin aus und da war es kein Wunder, dass Max nach dem ersten Tanz von ihrer Anmut , Schönheit und ihrem betörenden Duft wie berauscht war. Die Königin, seine "Zukünftige", sah wohl, was sich da mit den beiden anbahnte, aber sie blieb dabei so gelassen beobachtend, dass man schon annehmen musste, dass sie froh war, den Max vom Halse zu haben. Ich hatte bei Schulten Josephine schon immer das Gefühl, dass ihre Liebe zu Max nicht echt war und sie wenig Lust verspürte, ihn zu heiraten. Als Max mal allein war, ließ sie ihn rufen und ich hörte, wie sie zu ihm in ihrer dörflich derben Redensart sagte: "Ich wollt Dir nur sagen, dass man beim Tanzen seine Pfoten bei einer Dame nicht auf den Hintern hält, verführ bloß das ahnungslose Mädchen nicht, Du geiler Bock." Gestern hatte ich noch Gelegenheit, mit Elbi eine Stunde allein auf der Terrasse zu sein. Sie hat mir die dramatischen Ereignisse vom Sonntag mit Max erzählt. Sie sagte, weil sie mich liebe und sie mir alles verdanke, auch das Kind, was sie in Liebe von mir empfangen habe, will sie kein Geheimnis vor mir haben, doch nun müssten sich unsere Wege trennen, wir müssten unsere Liebe in einen Winkel unseres Herzens verdrängen. Sie habe Max am Sonntag in dem Glauben gelassen, dass er ihr bei seiner stürmischen und hemmungslosen Liebe die Unschuld genommen habe. Sie habe den Max auf den ersten Blick gemocht. Am Samstag habe sie ihn gefragt, ob seine Zukünftige, die Königin, denn nichts dagegen habe, wenn er immer nur mit ihr tanze? Er habe darauf geantwortet: "Ach die, das wird mein Lebetag nichts mit der, arbeiten auf dem Hof will se nich, kochen kann se nich, is kalt wie ne Hundeschnauze, am liebsten möchte se Lehrerin bei den Ipummels bleiben." Da wusste Elbi, dass es mit denen ihrer Liebe nicht weit her war und sah instinktiv in Max das richtige Opfer des Vorhabens. Von nun an machte sie ihm schöne Augen und becircte ihn nach allen Regeln der Kunst. Als er erfuhr, dass sie eine Bauerntochter war, hat er sie spätnachmittags zum Füttern der Pferde nach Hause eingeladen, um den Hof zu besichtigen. Sie hat die Arglose gespielt und ist mitgegangen. Auf dem Hof waren sie allein. Seit der alte Glautmann vor Jahren gestorben war, fuhr die Mutter über die Festtage zu ihrer Schwester ins Nachbardorf. Die beiden Knechte hatten frei und die Mägde kamen erst später vom Zelt, nur kurz, um die Kühe zu melken. In seiner Kammer war es dann passiert. Sie habe getan, als wäre sie von seiner stürmischen Liebe überwältigt. Sie waren beide so erregt gewesen, dass sie nicht gehört hätten, wie Schulten Josephine, bei der auch der Hund nicht angeschlagen hatte, ins Haus gekommen wäre und sie beide in eindeutiger Situation in Maxens Kammer überrascht hätte. Josephine habe dann Max barsch aufgefordert, sich anzuziehen und ins Wohnzimmer zu kommen. Elbi würdigte sie keines Blickes, sie sagte beim Herausgehen: "Sie ahnungsloser Engel, Sie, auf so was müssen Sie reinfallen und lassen sich willig verführen, aber vielleicht ist das Liebe auf den ersten Blick." Sie habe dann gehört, wie Max eine gehörige Standpauke bekommen habe, wobei ihr aufgefallen sei, dass sie in keiner Weise die Betrogene oder Eifersüchtige spielte, sondern nur auf ihre Ehre bedacht war und das Gerede im Dorf fürchtete. Sie habe nicht alles mitbekommen. Nach etwa einer halben Stunde kam Max und holte mich. Die Königin saß mit kaltem Blick im Sessel, musterte uns beide und sagte: "Ja, so ist das nun mal mit Liebe, Lust und Leid." Zwischen Max und mir ist außer einer Nacht nichts gewesen und nun bin ich von meinem Versprechen, Max seine Frau zu werden, zu meiner Freude entbunden. Jetzt seid Ihr dran, aber wir leben hier im Dorf in einer Gemeinschaft, wo alles seine Ordnung haben muss, wo man in Sachen Sitte und Moral in keiner Weise tolerant ist. Ihr müsst Euch sofort verloben. Ist Euer Schäferstündchen nicht ohne Folgen geblieben, bleibt es ehrenhaft. Gibt es keine Folgen, könnt Ihr Euch in Ehren wieder trennen, wenn Ihr Euch nicht mögt. Da ich als Lehrerin auf meine Ehre zu achten habe und auch nicht die Blamierte sein will, müsst Ihr damit einverstanden sein, wenn ich persönlich am Königstisch Eure Verlobung bekannt gebe und dabei verkünde, dass Max und ich Freunde seit unserer gemeinsamen Schulzeit sind und nie die Absicht hatten, uns zu verloben, wir haben alle nur in dem Glauben gelassen, wir gingen miteinander." Sie habe dann versöhnlich zu Elbi gesagt: "Sie brauchen sich nicht zu schämen, dasselbe ist mir bei Max auch passiert." Sie bleibe aber ledig, ihr stunde nicht der Sinn nach einem Mann. Max war bei der Königin so kleinlaut geworden dass er allem zustimmte. Er habe Elbi in den Arm genommen und gesagt: "Wenn Du willst, bleiben wir beiden zusammen." Elbi muss es wohl leid getan haben, den Max so zu betrugen, aber sie habe an das Kind und ihre Zukunft gedacht. Wenn alles so wird, wie sie es sich nun erträume will sie Max, eine gute und treue Frau und auf dem Hof eine fleißige Bäuerin sein. Meinen Segen haben sie. Als dann am Sonntagabend nach einem Tusch der Kapelle die Königin die Verlobung von Max und Elbi öffentlich verkündete, gab es ein großes Hallo bei den Männern, wahrend den Frauen vor Staunen der Mund offen stand. Josephine fügte dann schnell hinzu Max und sie waren gute Schulfreunde und sie hatten immer so getan, als wenn sie sich verloben wollten. Seine Braut kenne er bereits seit seiner Dienstzeit und nun sei sie auch ihre Freundin. Sie bleibe Lehrerin. Ich traute meinen Ohren nicht. Josephine hatte, als sie nach längerer Abwesenheit wieder an den Tisch kam wohl zu mir gesagt: "Gleich kannste was erleben, die Sensation des Festes, Sekt und Tränen werden fließen." Als Josephine an den Königstisch zurückkam, habe ich sie erst mal gefragt, was denn da los sei. Was sie gesagt habe, stimme doch gar nicht. Elbi und Max haben sich doch erst gestern kennen gelernt. Sie sagte sarkastisch: "Heute Nachmittag habe ich die beiden im Bett erwischt - Lustspiel in einem Akt!"

Die Ereignisse am Sonntagnachmittag bei Glautmanns mussten wohl sehr dramatisch gewesen sein. Josephine war erst nicht gewillt, mehr darüber zu erzählen, sie sagte nur: "Aus, Schwamm drüber, ich bin vor einer großen Enttäuschung bewahrt worden. Ich bin der Elbi in keiner Weise böse, eher dankbar." Josephine hat dann am Sonntagabend einen vielleicht doch kleinen Rest von Wehmut und Liebeskummer in Sekt ertränkt und mir dann doch Einzelheiten erzählt. Thema 1 war an dem Abend nur noch die Verlobung, wobei die Dorfbewohner nicht fassen konnten, dass der Max und die Josephine sie an der Nase herumgeführt hatten.

Am Montag war Josephine wieder wohlauf und ganz Königin. Sophie von Elk hatte ihr für Montag ein golddurchwirktes weites Seidenkleid zur Verfügung gestellt. Sie wirkte damit sehr elegant. Sie bat, am Tisch kein Wort mehr von dem, was gestern war, zu erwähnen, sie wollte nichts mehr davon hören. Elbi und Max saßen fast den ganzen Abend verlegen und glücklich am Königstisch. Während Madame Malosch, Eleonore und Elbi erst am Mittwoch abreisten, sie waren, wie auch Sophie von Elk, am Dienstag zu einem Kaffeeklatsch bei den Hofdamen eingeladen, reiste Sophie von Elk wegen dringender gesellschaftlicher Verpflichtungen schon am Dienstag nach Berlin zurück. Vor ihrer Abreise kam sie zu uns, wo Bruno und ich noch recht verkatert beim Frühstuck saßen. Sie war gekommen, um sich zu verabschieden und um meinem Bruder und meiner Schwägerin für die schönen Stunden zu danken, die man zusammen auf dem Fest verlebt hatte. Bruno und ich haben sie mit der Kutsche meines Bruders zur Bahn gefahren. Während der Fahrt gestand sie uns in ihrer überschwänglichen und burschikosen Art, dass sie sich himmlisch amüsiert habe. Als Bruno sie fragte, wie es mit Küssen und Kosen gewesen wäre, meinte sie lächelnd: "Keine besonderen Vorkommnisse. Außerdem musste ich ja wegen Eures sittenwidrigen Unternehmens die sittsame Dame spielen und man war mir gegenüber wegen meines "von" äußerst schüchtern." Es hat ihr richtig Spaß gemacht, dass sie mit ihren mondänen Kleidern Eleonore und Elbi ausstaffieren und bei den Dorfdamen Eindruck machen konnte. Sie meinte, die Helhausener hatten direkt, Stielaugen vor soviel städtischer Eleganz bekommen, wobei sie mit ironischem Augenzwinkern hinzufügte: "Die vornehmen Damen aus Berlin." Was Elbi und den Max anbelangt, meinte auch sie, dass die Liebe bei den beiden soweit gediehen ist, dass man das Unternehmen "Christkindchen im Busch" als erfolgreich ansehen kann. Sie hielt uns in ihrer freimütigen Art vor, dass solche Schandtaten nur Männer ausdenken können und wir sie als Frauenrechtlerin ganz schon missbraucht hatten, aber sie meinte unbekümmert, der Zweck heilige die Mittel, alle hatten Spaß gehabt und für zwei beginne vielleicht das große Glück. Sie habe beobachtet, dass auch die Madame Malosch sicher auf ihre Kosten gekommen sei. Der Bürgermeister, dieser verwitwete Casanova, sei immer um sie herumscharwenzelt. Sie seien an allen Tagen für ein "Stündchen" verschwunden gewesen. Die Malosch als Anstandswauwau sei vor lauter Liebeslust ganz sanft geworden.

Am Abend war Sophie von Elk wieder in Berlin. In den vornehmen Salons, in denen sie verkehrt, wird sie mit Sicherheit nichts von ihrer "geheimen Dorfmission" erzählen, schon deshalb nicht, weil das alles nicht in ihren sonst so mit Leidenschaft geführten Kampf um die Emanzipation der Frau passt. Madame, Eleonore und Elbi sind heute abgereist. Elbi kehrt aber nicht mehr in den Massagesalon zurück. Eleonore nimmt sie mit zu der alten Baronin, bei der sie als Gesellschafterin ist. Sie will dafür sorgen, dass sie dort für einige Monate die gute Küche lernt. Wenn Max mal nach Berlin kommen sollte, sieht er, dass man ihm nichts vorgeschwindelt hat.

Was geht das Schicksal doch verschlungene Wege. Wenn alles klappt und es ein Junge wird, kommt der Hof nach fast 100 Jahren insgeheim wieder an einen Bender. Dabei hatte ich nicht im Traum daran gedacht, den Max an die Elbi zu verkuppeln. Heute kann ich mit den Worten schließen "Gott sei gedankt." Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Richtig froh werde ich aber erst sein, wenn der Glautmann und die Elbi sich vorm Pastor das Jawort gegeben haben. Morgen reise ich mit Bruno wieder nach Berlin.

Elbi schrieb Max Glautmann schon nach zwei Wochen, dass sie sich nicht besonders wohl fühle und der Arzt ihr gesagt hatte, sie sei wohl schwanger. Schon nach einer Woche besuchte er Elbi in Berlin und versprach ihr, alles für eine baldige Hochzeit vorzubereiten. Schon Ende September fand in Helhausen die Trauung statt, wozu auch ihre Eltern aus Pommern kamen. Im März des Jahres 1906 wurde sie vor~ einem kräftigen "Siebenmonatskind", einem Jungen, entbunden. Max Glautmann vergötterte seine Frau. Den "Stammhalter" haben sie auf den Namen Franz getauft. Drei Jahre später wurde noch ein Mädchen geboren. Sie taufte es Grete, wie die Mutter von Elbi hieß.

Die Eintragung am Mittwoch nach dem Schützenfest war die letzte in dem kleinen Ledergebundenen Tagebuch. Vor seiner Abreise legte es Johannes Bender in ein Geheimfach seiner alten Truhe, die auf der Schlafkammer stand. In ihr wurden seine Zivilkleidung und sonstige Dinge aufbewahrt. Leutnant Bender wurde 1908 zum Oberleutnant befördert und brachte es bei Kriegsausbruch 1914 zum Rittmeister. Von 1905 bis 1913 kam er alle Jahre zum Fest. Er versäumte es nicht, auf dem Ball öfter mit Frau Glautmann, seiner früheren Elbi, zu tanzen. Ihre glücklichen Stunden in Berlin und ihre Plauderei blieben ein Geheimnis. Nachdem Bender 1910 in Berlin die Tochter eines hohen Offiziers geheiratet hatte, brachte er 1911 und 1912 auch seine Frau zum Schützenfest mit. 1913 kam er allein, seine Frau war zwei Monate vorher von einem Mädchen entbunden worden. Als er in Helhausen erfuhr, dass Frau Glautmanr im Krankenhaus der nahen Stadt lag, wo sie sich einer Operation unterziehen musste, besuchte er seine Elbi und saß lange an ihrem Bett. Johannes war ja nicht nur der Vater ihres Sohnes Franz, es waren auch die Bande ihrer geheimen Liebe, dessen Macht und Tiefe sie früher nicht ermessen hatten. Dies sollte die letzte Begegnung zwischen Johannes Bender und seiner Elbi sein. Das Schützenfest im Jahre 1914, für das schon alle Vorbereitungen getroffen waren, fand nicht mehr statt. Alle wehrfähigen Männer, soweit sie abkömmlich waren, eilten zu den Fahnen. Heinrich Bender konnte wegen eines Fußleidens und als einzige Kraft auf seinem Hof bleiben. Seine zwei Knechte waren am 1. Mobilmachungstage eingezogen worden. Rittmeister Bender fiel am 25. Okt. 1914 in Flandern. Als sein Bruder Heinrich die Nachricht von seinem Tode erhielt, öffnete er die alte Truhe, um seiner Schwägerin in Berlin die persönlichen Dinge von Johannes zu schicken. Dabei entdeckte er das Geheimfach und fand das Tagebuch seines Bruders. Jetzt erst erfuhr er durch die Aufzeichnungen von dem Ränkespiel auf dem Schützenfest 1905 und von seinen sonstigen Treiben und Geheimnissen. Er war froh, dass er von all den Dingen vorher nichts gewusst hatte. Er hatte vieles nicht geduldet, es wäre zu Streit gekommen, und er als Bauer hatte sich in Helhausen, besonders im Gemeinderat und Schützenvorstand, nicht so frei und ungezwungen bewegen können. Die ganze geheime Affäre hatte wenigstens das eine Gute gehabt, dass die Frauen es fertig gebracht hatten, zwischen den verfeindeten Familien einen Burgfrieden zu stiften. Man redete wieder miteinander. Das Tagebuch hat von Heinrich Bender niemand zu Gesicht bekommen.

Aus der glücklichen Ehe von Heinrich und seiner Frau Maria gingen zwei Töchter hervor. Frau Bender starb im Februar 1919 an der Grippe, die als Epidemie im Dorf mehrere Tote forderte. Heinrich Bender erlag 1933 einem Herzschlag. Die älteste Tochter Johanna heiratete 1932 einen Schmied im Nachbardorf. Ihre Schwester Anna blieb ledig, sie war bis 1970 Lehrerin im Ruhrgebiet. Anna Bender hatte das Tagebuch nach dem Tode ihres Vaters an sich genommen und, nachdem diese Geschichte fertig geschrieben war, hat sie es verbrannt. Benders Hof wurde von den Schwestern 1934 als Erbhof verkauft.

 

Max Glautmann, der noch 1918 für einige Monate als Infanterist eingezogen wurde, kam an der Front nicht mehr zum Einsatz. Er bewirtschaftete seinen Hof mit seiner Frau Elbi, dem "Sohn'' Franz, der Tochter Grete, einem Knecht und einer Magd bis zu seinem Tode im Jahre 1929. Der Hof wurde 1930 dem Sohn Franz überschrieben. Franz hatte nach der Schulentlassung eine Landwirtschaftsschule besucht und versprach unter der Leitung des Vaters ein guter Bauer zu, werden. Nach dem Tode des Vaters, als er im Besitz des Hofes war, trat eine Wandlung ein. Er tat bald nur unwillig die nötigsten Arbeiten, während Mutter und Schwester sich auf dem Hof abrackerten. Die Mutter führte das Verhalten ihres Sohnes auf die Freundschaft mit einem gleichaltrigen Wirtssohn zurück, der auf Franz einen schlechten Einfluss hatte. Bald ließ Franz zu Hause verlauten, dass er nicht gewillt sei, sein Leben lang die Scheißarbeit eines Bauern zu verrichten. Immer öfter lag er stundenlang in der Dorfkneipe. Die Mutter hoffte, dass er bald eine gute Frau finden wurde, dann sollten sich schon die Jugendflausen legen. Von der Mutter befragt, wann er denn gedenke, sich mal nach einer Frau umzusehen, einer tüchtigen Bäuerin, ließ er verlauten, er würde kein Bauerntrampel heiraten.

Das Verhältnis zwischen Franz, der Mutter und seiner Schwester Grete wurde immer gespannter. Er entwickelte sich durch seine Unzufriedenheit mit sich selbst zum Haustyrann. Bald ging er auch nicht mehr in die Dorfkneipe, sondern verbrachte den Samstagabend und Sonntag in der nahen Kreisstadt. Er meinte dazu, der Aufenthalt in der stinkigen Dorfkneipe sei ihm nicht mehr gut genug, er habe das dämliche Gequatsche der Dorfdeppen satt. Als er mal wieder nach einer durchzechten Nacht nach Hause kam, machte ihm die Mutter ernste Vorhaltungen über seinen Lebenswandel. Es kam zwischen Mutter und Sohn zu einem heftigen Streit, in den sich auch noch seine Schwester einmischte, die von ihrem Bruder eine standesgemäße Aussteuer und die ihr vom Vater als Mitgift zugesprochenen 10 Morgen Land verlangte mit der Anmerkung "ehe alles verjubelt ist und ich als Tante auf dem Hof versauere". Schon nach einigen Tagen gespannten Schweigens unterbreitete Franz der Mutter und der Schwester einen Plan, dem sie zustimmten. Er wolle 10 Morgen Land verkaufen um die Aussteuer zu finanzieren, und seine Schwester solle 10 Morgen von einem Stück haben, das an der Grenze des Nachbardorfes lag, in das sie heiraten wollte. Franz seine Überlegungen waren aber gar nicht so edel und großzügig wie es den Anschein hatte. Er würde erstmal seine ihm dauernd nachspionierende und Moralpredigende Schwester durch eine Heirat los und er konnte zu Geld kommen, ohne dass die Mutter etwas merkte. Er würde statt der 10 Morgen zwanzig verkaufen. Er fand in der Nachbarschaft auch bald einen Auktionator, das Geschäft diskret abwickelte.

So im Besitz von genügend Bargeld erwarb er den Führerschein und kaufte ein Auto. Bald verbrachte er viele Abende in einer Bar der Kreisstadt, wo Franz ein Verhältnis mit einer Bardame anknüpfte, bei ihr auch oft über Nacht blieb. Alle Vorhaltungen und Ermahnungen der Mutter blieben ohne Erfolg. Er vertrat den Standpunkt, Arbeiten sei nur ein Notbehelf zum Geldverdienen, mit Intelligenz ginge es leichter auf andere Art. Man müsse das Geld da verdienen, wo es locker sitze. Franz verkaufte einen Teil des Viehbestandes und pachtete in einer benachbarten Stadt auf den Namen seiner Geliebten ein Nachtlokal. Der Betrieb arbeitete aber bald mit Verlusten, so dass Franz monatlich hohe Zuschüsse leisten musste. Zu spät erfuhr er, dass seine Geliebte, die Bardame Lulu, früher als Dirne in Dortmund "gearbeitet" hatte und ihr früherer Zuhälter als Kellner in dem Lokal angestellt war. Da das Lokal auf dem Namen der Bardame stand, konnte er sich, wenn auch mit hohen Verlusten, zurückziehen. Enttäuscht, aber auch wütend darüber, dass man ihn "geleimt" hatte, wollte er nun zeigen, dass ihm das gar nichts ausmachte. Er verkaufte bis auf zwanzig Morgen alle Ländereien und das restliche Vieh und kaufte dafür auf Zuraten seines Freundes und eines Finanzmaklers Aktien eines rheinischen Werkes. Die Direktion des Werkes hatte nur darauf gewartet, für ihre faulen Aktien einen Käufer zu finden. Mit dem Kauf der Aktien hatte man ihm auch den Posten eines stellvertretenden Direktors verschafft. Er zog ins Rheinland in die Nähe des Werkes. Der Mutter versicherte er, dass er sie bald nachkommen lasse, sobald er ein Haus habe. Der Hof mit den restlichen zwanzig Morgen wurde dann verpachtet, und sie brauchte nicht mehr zu arbeiten.

Das von Franz Glautmann ins Werk eingebrachte Kapital war schnell in die schon vorbereiteten Kanäle geflossen. Noch ehe er seinen "hohen Posten" im Werk antreten konnte, musste das Werk den Konkurs anmelden. Seine Aktien waren keinen Pfennig mehr wert. Geblieben waren ihm noch einige tausend Mark, mit denen er seine "Villa" einrichten wollte. Aus Scham vor seiner Pleite kam er nicht nach Helhausen zurück. Er mietete sich in Bochum ein möbliertes Zimmer. Auf dem einsamen Hof waren der Mutter nur noch einige Hühner geblieben. Der große Hausgarten blieb in diesem Jahr unbestellt. Die Beete, von Buxbaum eingefasst, die vielen Beerenstraucher und die lange Hecke, die den Garten umgab, verwilderten. Die Rosenbeete, einst der Stolz der Bäuerin Elbi, wurden vom Gras und Unkräutern überwuchert. Nur die dicke silberne Glaskugel hatte noch ihren alten Glanz und leuchtete weithin aus dem trostlosen Garten.

Frau Elbi Glautmann fand nicht mehr die Kraft, den Verfall in Haus und Garten aufzuhalten. Vor Scham über den Untergang des einst stolzen Hofes wagte sie sich nicht mehr ins Dorf. Von ihren Nachbarn konnte sie keine Hilfe erwarten, denn sie hatte sich früher nicht viel um sie gekümmert und dazu wusste ja jeder, dass sie Verwandte hatte, denen es zustand, sich um sie zu sorgen. Aus dem Dorf kam jeden Sonntag die alte Bellmannsche zu ihr, die Klatschtante des Dorfes, die auf dem Hof ihres Schwagers lebte. Aber auch sie kam nur, um was Neues zu erfahren. Trotzdem war sie der alten Bellmannschen für ihren Besuch dankbar, denn sie erfuhr, was im Dorf vorging und der trostlose Sonntag hatte eine Unterbrechung. Ihre Tochter Grete, die im Nachbarort verheiratet war, kam jede Woche einmal, um sie mit dem Nötigsten zu versorgen. Bald konnte sie das Elend ihrer Mutter nicht mehr ertragen. Sie bat ihren Mann, sie in ihrem Hause aufzunehmen. Auf dem Hof konnte sie sich nützlich machen und in der Nähe ihrer Tochter den Gram leichter ertragen. Eines Tages spannte man an und holte sie und ihre nötigsten Sachen vom einsamen Glautmanns Hof. Sie musste erst zu diesem Schritt überredet werden, denn sie glaubte, wenn sie das Haus freiwillig verließ, konnte ihr dies rechtliche Nachteile bringen. Auf Anraten ihres Schwiegersohnes und ihrer Tochter übergab sie die Verwaltung des restlichen Anwesens, den Hof mit noch 20 Morgen Land, einem Rechtsanwalt, der erstmal durch eine richterliche einstweilige Verfügung weitere Veräußerungen des Restbesitzes durch den Sohn unmöglich machte und die Versorgung der Mutter und das Nutzungsrecht festlegen ließ.

In den Gebäuden des leer stehenden Hofes nisteten sich bald Ratten und anderes Ungeziefer ein. Staub und Spinngewebe bedeckten bald alle Zimmer, in denen noch ein Großteil des alten Inventars stand. Alles was einmal vor Sauberkeit blitzte, überzog sich mit Schmutz, Rost und Grünspan. Nachdem auch noch Kinder einige Scheiben eingeworfen hatten, sorgten Regen und Wind für weitere Zerstörungen. Herumliegende Wäschestücke, auf dem Boden liegende Papiere, Bücher und aufgewühlte Schubladen zeugten davon, dass Fremde, wahrscheinlich Landstreicher, das Haus durchsucht hatten. Die Scheunen dienten einem Schäfer als gelegentliche Unterkunft für die Schafherde.

Der Hof Glautmann war im Dorf schon kein Gesprächsthema mehr. Man hatte in der letzten Zeit jede Phase des Verfalls miterlebt und ausdiskutiert. Es war eben eine Bauerntragödie, wobei niemand im Dorf helfen konnte. Achselzuckend tat man es damit ab: "Schicksal". Es war eine alte Weisheit: "Unrecht erworbenes Gut kommt nicht an die Kinder der Kindeskinder", was auch hier wieder seine Bestätigung fand. Nur der zur Straße liegende wüste Hausgarten des Hofes Glautmann wurde bald zum Ärgernis. Der einst so schöne Garten ward zum Schandfleck des Dorfes geworden. Von den grof3en Fachwerkgebäuden des Hofes, die hinter dem Garten lagen, fiel schon an mehreren Stellen der Kalkputz von den Wanden, so dass die Lehmwände sichtbar wurden. Auch mehrere im Vorjahr durch einen Sturm abgedeckte Pfannen waren nicht ersetzt worden. Der Regen hatte das auf dem Boden lagernde Heu und Stroh längst verdorben. Der Bürgermeister hatte auf Beschluss der Gemeindeversammlung den Vermögensverwalter aufgefordert, den Verfall des Hofes aufzuhalten, das Unkraut im Garten beseitigen zu lassen und das Grundstuck zu verpachten. Schon nach wenigen Tagen kam ein Bauunternehmer aus dem Nachbarort und besichtigte, ohne mit jemandem zu reden, die Baulichkeiten. Einige Tage später wurde auch der Sohn Franz mit einem Fremden im Auto gesehen. Sie fuhren zu dem Hof, hielten sich etwa eine Stunde dort auf und fuhren dann wieder ab, ohne im Dorf einen des Blickes zu würdigen.

Eine Woche später geschah es. Durch das Bellen und Heulen aller Hunde im Dorf wurden die Bewohner aufgeschreckt. Glautmanns Hof stand um Mitternacht in hellen Flammen. Erst als der Dachstuhl einstürzte, läutete die Feuerglocke. Als die freiwillige Feuerwehr mit ihrer Spritze anrückte, war schon nichts mehr zu retten. Die meisten Dorfbewohner waren gekommen und standen stumm in dem verwilderten Garten, um sich das Feuer anzusehen. Alle Gebäude des Hofes brannten bis auf die Grundmauern nieder.

Noch während des Brandes entdeckte der herbeigerufene Gendarm in Glautmanns halbverfallenen Gartenland einen alten Landstreicher. Es kam sofort der Verdacht auf, dass dieser den Brand verursacht habe. Bei seiner Vernehmung auf dem Gendarmerieposten gab er an, nicht im Haus gewesen zu sein. Er habe gerade durch die offene Hintertür in die Wohnung gehen wollen, um dort zu übernachten, da sei ein Radfahrer ohne Beleuchtung sehr eilig auf den Hof gekommen. Er habe für die vordere Tür einen Schlüssel gehabt. Als der Mann in das Haus gegangen sei, habe er sich in der Laube versteckt. Nach kurzer Zeit sei der Mann wieder herausgekommen, habe das Haus verschlossen und sei mit dem Rade eilig davongefahren. Da ich befürchtete, dass nochmals jemand kommen konnte, habe ich mich auf die Laubenbank gelegt und bin eingeschlafen. Als ich durch laute Stimmen, dem Glockengeläute und dem Feuerschein aufwachte und sah, dass ich nicht mehr unbemerkt entkommen konnte, bin ich unter die Laubenbank gekrochen, in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Ich hatte große Angst, denn ich wusste, man würde glauben, ich habe das Haus angesteckt. Der Gendarm glaubte den Schilderungen des alten Mannes. Offensichtlich handelte es sich hier um Brandstiftung.

Der Gendarm, der über die Familienverhältnisse Bescheid wusste, vermutete, dass ein Versicherungsbetrug begangen werden sollte. Es war bekannt , dass Franz Glautmann bei seinen Spekulationen sein Vermögen verloren hatte. Noch in der Nacht ergab eine Nachfrage beim Versicherungsagenten, dass die Gebäude hoch versichert waren und Franz Glautmann im Besitz der Policen war. Er unterrichtete sofort seine Dienststelle von dem Brand und seinem Verdacht. Diese wiederum setzten sich noch in der Nacht mit der Kriminalpolizei seines Ruhrgebietsaufenthaltsortes in Verbindung. Als zwei Kriminalbeamte des Morgens zu seiner Wohnung kamen, sahen sie im Hof sein Auto stehen. Aus dem Kofferraum ragte ein Fahrrad mit dem Hinterrad hervor. Franz Glautmann wurde aufgefordert, zwecks einer Vernehmung mitzukommen. Als ein Beamter so nebenher bemerkte: "alles niedergebrannt, nur Pech, dass man Sie mit Ihrem Fahrrad gesehen hat", traf ihn diese Bemerkung wie ein Schlag. Unter dem Vorwand, noch seinen Ausweis holen zu wollen, ging er nochmals in sein Schlafzimmer zurück. Kurz darauf fiel ein Schuss. Franz Glautmann hatte sich durch einen Kopfschuss getötet. Als die Mutter von dem Freitod erfuhr, bekam sie einen Nervenzusammenbruch. Nach ihrer Genesung widmete sie sich ganz der Gemeinde-Wohltätigkeit. Als einmal ihre Tochter sie anhielt, sich doch Ruhe zu gönnen, sagte sie: "Ich habe noch viel abzuarbeiten, ich habe es gelobt." Frau Elbi Glautmann, geb. Malchin, starb im Jahre 1951. Der Tod war sanft gekommen, man fand sie, die Hände gefaltet, im Lehnstuhl.

Nach ihrem Tode erwarb die Gemeinde den Hof und die Ländereien. Ein Teil ist zu einem Parkplatz ausgebaut, auf dem hinteren Teil, da wo einst das Wohnhaus stand, steht heute in einer kleinen Anlage das Kriegs-Ehrenmal, von Rosen umgeben. Das alte Heiligenhäuschen an der Einfahrt zum Hof hat seinen Platz behalten. Die Inschrift, schon etwas verwittert und schwer lesbar, lautet: Errichtet von Caspar Bender und seiner Ehefrau Anna Wendemeyer. Anno Domini 1785. Unter einem Marienrelief in der Kirche: Bewahre Haus und Scheuer vor Krankheit, Not und Feuer. Auf der Rückseite: Erneuert v. Familie Glautmann 1880.



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