Eine Schützenfesterinnerung

von Josef Flamm

  

  

Schützenfest, Heimatfest, Hochfest des Jahres! Wie für die Bürgerschützen, so auch für die Sebastianer. Hier der Schützenfest-Samstag der Sebastianer, für die meisten Schützenbrüder der schönste Tag des Jahres. Früh am Morgen weckt die Knüppelmusik mit "Freut Euch des Lebens" alle Schützen, die dann munter und begeistert in die "weiße, Frischgebügelte" steigen, um diesen festlichen Tag voller Erwartung zu begehen. 
 
Samstag morgen schon um 7 Uhr Antreten auf dem Marktplatz, Aufmarsch der einzelnen Hofen, Fahnenmarsch, Abholen der Königin, und unter dem Geläute der heimatlichen Glocken geht es mit "Tochter Zion freue dich" in die Stadtkirche zum feierlichen Schützenhochamt. Nach dem Gedächtnis der Toten beginnt der Festmarsch durch die Stadt, zum Schützenplatz.
 
Wohlverdiente Pause, Schützenfrühstück, teils noch nach alter Sitte mit "selbstgemachten Butters", belegt mit bestem Schinken und "Sissebloms" (Mettwurstscheiben), Freibier, Wiedersehen mit Bekannten aus nah und fern. Das Fest läuft!
 
Dann Trommelwirbel, der wichtigste Festakt steigt: das Vogelschießen beginnt! Voran die Musikkapelle mit dem Königspaar, Hofstaat und anschließendem Gefolge. Mit dem ersten Schuss durch die Königin nimmt das Vogelschießen seinen fröhlichen und spannenden Verlauf. In diesem Jahr, es war 1958, wurde Anton Gockel Kronkönig. Nach der Pause ging das Schießen und der Kampf um die Königswürde weiter.
 
Alles verlief so recht harmonisch, bis dann plötzlich der Vogel als großer Brocken runterkam und August Roderfeld mit Jubel und Musik auf den Schultern seiner Freunde und Schützenbrüder im Triumphzug zur Halle getragen und auf die Theke gestellt wurde, wo sein Volk ihm Hochrufe und Ovationen darbrachten. Majestät August "ließ gehen" und ahnte nicht, dass es unter der Vogelstange mächtig zu gären begann, denn es saß noch ein Stück, ein kleiner Rest des Vogels oben in luftiger Höhe an der Stange. 
 
Die Stänkerei ging los! Worte wie Schiebung und Schweinerei übertönten das "Hoch soll er leben" und die Melodie vom Hirsch im wilden Forst. Immer mehr Leute kamen unter die Vogelstange. Die meuternden Schützen und Zuschauer hatten ja recht: Wer den letzten Rest, aber auch den allerletzten Rest des Vogels herunterholt, ist König. 
 
Allgemeiner Aufruhr! Es musste gehandelt werden, was war zu machen? "Unmöglich", rief Volmers Heinrich: "Es steht in den Statuten ... und wir müssen uns daran halten". (Wir nannten Heinrich Volmer wegen seiner Treue zu den überlieferten Bräuchen Traditions-Heinrich). Einig war er sich darin mit Hessen Heinrich, dem langjährigen Adjutanten und späteren Hauptmann aus dem Katthagen, dem der Schützenverein über alles ging und dem die erwähnten Statuten Lebensinhalt waren. 
 
Oberst August Wiehe sollte nun eine Entscheidung treffen. Sein Major Berthold Leinemann hatte größte Bedenken. Für ihn, den guten, immer ausgleichenden Berthold, war es - mit Recht - nicht angebracht, den glücklichen August Roderfeld wieder von der Theke herunter zu holen und diesem die Freude zu nehmen. Rein aus dem Häuschen sprang Peitz Hermann, der "Bataillons-Messdiener", dazwischen. Morgens noch so schön brav wie alljährlich als treuer Messdiener beim Schützenhochamt und jetzt genau das Gegenteil, aufgebracht, erregt, dicke, krakelte er, als sei etwas furchtbares geschehen. Dabei rempelte er Lünnen Bernhard, den "schnellsten Ober der Welt" an, und ein Tablett mit kühlem Blonden ging "in Eimer". "Immer fein bleiben" rief Oberleutnant Karl Broer den erregten Schützenbrüdern zu und meinte dann doch, dass es eigentlich scheißegal sei, ob da oben an der Stange noch so ein kleines Dingen säße, oder nicht. Aber das war den meisten da unten noch lange nicht egal. Die von echtem Schützengeist beseelten und jetzt berauschten Gemüter, erhitzt durch Weißenburg und Kisker, verlangten ihr Recht.
 
Hier noch in bester Erinnerung ein Wort von Franz Maaß-Peizmeier aus Störmede, damaliger Oberst der St. Pankratius-Schützen, der es sich nicht nehmen ließ, jedes Jahr samstags beim Vogelschießen in echter nachbarlicher Kameradschaft dabei zu sein: "In Störmede ist Lobetag, in Geseke ist Tobetag". (Der Störmeder Lobetag fällt alljährlich mit dem Geseker Schützenfest zusammen.) Hier hatten wir nun wirklich den "Tobetag".
 
Als dann in der verzwickten Situation mein unvergesslicher Freund Berthold Leinemann zu mir kam und sagte: "Jetzt haben wir den Zirkus zugange. Kannst du nicht als alter Jäger mit einem genauen Schuss kurze fünfe machen?" fasste ich mir ein Herz und sagte um des Friedens willen zu. Allerdings nur unter der Bedingung, dass ich kein König würde. Unauffällig bekam ich von Heinzen Klüngel oder Grauthoffs Franz ein Gewehr und schoss nicht durch die dafür vorgesehene Schießscharte, damit keiner etwas sah, sondern ging um die Schießanlage herum und legte auf dem "Puckel" eines Schützenbruders an. Ich weiß leider nicht mehr, wer es war. Jedenfalls wackelte er nicht und stand ruhig wie eine Eiche. Deshalb klappte es auch wie es einfach klappen musste. Raus war der Schuss, herunter flog der Stein des Anstoßes (ein Stück Holz, das ich heute noch habe) und ein ungekrönter König "kratzte die Kurve", lief davon und verschwand durch die Hecke in Reckmanns Garten. 
 
Das Fest nahm in althergebrachter Weise seinen traditionellen Verlauf. Der Wackelzug fand wie in allen Jahren statt. Das Schützenfest 1958 reihte sich würdig seinen Vorgängern an und ging in die Geschichte der Bruderschaft ein. "Schützenfest: ein schönes Fest, macht uns viele Freuden". Dieser bekannte Ausruf vom alten Schützenoberst Philipp Thoholte hat auch heute noch seine volle Gültigkeit. 
 
August Roderfeld würde in diesem Jahr (d.i. 1983) mit seiner damaligen Königin Anni Ruhr, heute Frau Kirchhoff, Bockum, sein silbernes Königsjubiläum feiern können. Leider starb er allzu früh. Eine lustige Erinnerung mit ihm hätte sicherlich noch mal fröhliche Auferstehung gefeiert.



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