Schützenfestfieber

In westfälischen Kleinstädten und Dörfern werden die neuen Könige ausgeguckt

von Uli Schulte-Döinghaus

 

Onkel Jupp hatte stets Familiensinn. Und so kam es, dass er mir, nur mir, immer dann den Tambourstab überließ, wenn die Knüppelmusik Marschpause hatte. Ich stolzierte dann neben Onkel Jupp her, dem Tambourmajor, und machte ein furchtbar wichtiges Gesicht. Die Kinder aus dem Dorf beneideten mich ganz gewiss, aber sie ließen sich nichts anmerken.

Den Tambourstab, Kugelgriff, Bordüren, pickelhaubige Spitze, durfte ich so lange halten, bis sich alle Schützen vor dem Kriegerdenkmal aufstellten und ein anderer Onkel, Alfons, eine Ansprache hielt, in der von Glaube, Sitte und Heimat die donnernde Rede war. Dann ging's unter Pfeifen und Trommeln zum Schützenplatz, wo alsbald unter der Fahnenstange so lange auf den Vogel geschossen wurde, bis er 'runterfiel. Ein neuer König, Hochrufe, Freibier.

Anfang Mai fängt es zu grassieren an, das Schützenfestfieber (nicht nur) im Westfälischen. Dorf für Dorf, Stadt für Stadt rüstet sich, und "bis Jakobi" (27. Juli) schlagen immer irgendwo Trommeln oder Büchsen knallen. Gäste sind willkommen - Schützenfeste, etwa in Hannover oder im rheinischen Neuss, sind Events für Millionen.

Auch auf dem Land sind sie längst kein hermetisch abgeschlossenes Brauchtum mehr - in diesem Jahr begeht eine ganze Reihe von sauerländischen Dörfern "Jubiläumsschützenfeste", teilweise mit aufwändigem Begleitprogramm für Sommertouristen und Gäste. Einzig zu gewissen "Freibierfesten", die da und dort, auch im Sauerländischen, abgehalten werden, werden Fremde nicht ganz so gern gesehen. Wenn, dann müssen sie ein Vielfaches der Summe entrichten, die die Dorfschützen bezahlen, um drei Tage lang so viel zu essen und zu trinken, wie sie vertragen können.

Der Brauch, Schützenfeste zu feiern, ist seit 500, 600 Jahren urkundlich verbürgt - wahrscheinlich aber treibt es, so oder so ähnlich, die Männer seit Jahrtausenden ins Freie, um sich Ritualen und Räuschen hinzugeben, unter den teils bewundernden, teils besorgten Augen ihrer Kinder und Frauen. Die Gewohnheit, hölzerne Adler von einer Stange herunter zu bringen, geht übrigens auf germanische Widerstandsrituale zurück - der Adler war ein Wappentier der Römer.

Geseke ist eine kleine Ackerbürgerstadt am westfälischen Hellweg. Ein bisschen Zementindustrie, ein bisschen Landwirtschaft, ein bisschen Pendeln. Am ersten Wochenende im Juli ist das Schützenfest der "Sebastianer" - aber das Geraune und Getuschel beginnt bereits einige Wochen vorher. In den Gasthäusern, zumal dort, wo die Stammquartiere der Schützenkompanien ("Hofen") sind, konzentrieren sich die Stammtische und Thekensteher mehr und mehr auf die Königsfrage.

Wer will's machen, wer sollte es tun, wer um keinen Preis? Und wen nimmt wer zur Königin? Etwa seine eigene Frau? Und wen schart die als Hofdamen um sich? Um die Königswürde wird in der Stadt gerungen, gekungelt, vielleicht auch gefeilscht, bevor auch nur eine Patrone abgeschossen ist. Denn: Ähnlich der Prinzenwürde im rheinischen Karneval ist es zugleich eine Frage der Ehre und der Werbung, Schützenkönig zu werden - etwa wenn man Geschäftsmann ist. Jeder weiß es, kaum einer spricht darüber - Könige werden gemacht, ob sie nun Holzvögel von der Stange schießen oder - wie etwa im Niedersächsischen - Punkte auf Schießscheiben addieren müssen. Quasi offiziell wird der Schützenkönig im sauerländischen Arnsberg vorab gekürt - das Schießen ist dann reine Formsache, an der dennoch Hunderte von Schützenbrüdern teilnehmen. "Aber noch nie", wundert sich ein Funktionär, "hat ein anderer gewonnen."

Wer es als König riskieren will, sucht sich beizeiten, irgendwie leise und deutlich zugleich, eine Mannschaft zusammen, aus der zweitens ein so genannter Hofstaat gebildet werden wird und erstens genug Geld zusammen kommt, um die Regentschaft mit zu finanzieren. In Geseke, heißt es, muss der König dafür bis zu 20000 Mark aufbringen; viel geringer soll es in den Dörfern ringsum auch nicht sein. Im Niedersächsischen hat man mit klammen Königen so schlechte Erfahrungen gemacht, dass dort "Köver" gang und gäbe sind - "Königsversicherungen", aus denen die Dorfmajestät einen Teil ihrer Kosten decken darf. Allein das Freibier!

Beim Fahnenmarsch versammelt sich die gesamte Schützenbruderschaft im feinsten Zwirn auf dem städtischen Marktplatz und präsentiert sich vor Gästen und Bürgern der Stadt, vor dem neuen König und seinem Hofstaat. Der Chapeauclaque ist gestriegelt und mit Eichenlaub geschmückt, im Holzgewehr steckt eine frische Rose, die Offiziere mit Schärpenband halten den Degen gezückt. Ruhe vor dem Fahnenmarsch.

Die Stadt hat sich fein gemacht für ihre Schützen. Girlanden hängen über den Straßen, aus den Fachwerkhäusern flattern Fahnen in den Traditionsfarben der Bruderschaft. Tschingdarassa Bumm. Und Günter, der Vetter aus Störmede, schlägt den Schellenbaum. Zum "Helenenmarsch" defilieren Abordnungen zackig hin und her, zeigen ihre Traditionsfahnen und bilden im Stechschritt windmühlenartige Marschfiguren.

So etwas will geübt sein - schon fünf, sechs Wochen vor dem Fest trainieren junge, ehrgeizige "Fähnriche" für ihren Auftritt, mit dem meist mehr als Militärisches einhergeht. Die mit der Fahne marschieren, sind traditionellerweise Junggesellen, und deshalb ist der Fahnenmarsch auch so etwas wie eine Musterung vor den umherstehenden Zuschauerinnen. Einige der jungen Damen haben sich längst ein Kleid ausgesucht (und reserviert), falls sie die Königinnen- oder Hofstaatwürde erringen sollten. Das Schützenwesen, heißt es, boomt auf dem Lande: Die Vereine können sich vor dem Andrang junger Mitglieder, Damen wie Herren, kaum retten.

Querflöte, Trommelspiel - ein kleiner Trupp von Knüppelmusikern zieht eine Woche vor Festbeginn durch die Straßen, um die Stadt "zu wecken" - Reveille nach Landsknechtsart. Von den verlorenen Haufen des Mittelalters haben die Schützengesellschaften von heute allenfalls ein paar musikalische Traditionen übernommen, Weckrufe, Zapfenstreiche. Viele Bruderschaften wurden im 14., 15. Jahrhundert als Eliteeinheiten städtischer Bürgerwehren begründet, ihre Farben und Formen adaptierten sie - man mag es bedauern oder auch nicht - von "Preußens Gloria" oder vom gehobenen Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Militärischer Muff, häufig gepaart mit kirchlichem Kleingeist, kennzeichneten viele Schützenvereine fast 200 Jahre lang. Schützengesellschaften haben heute wichtigere Aufgaben - Dorf- und Kleinstadtleben zu bereichern, Neubürger zu integrieren, schöne Feste zu organisieren.

Wie Beerdigungsunternehmer in Bratenröcken und Zylinderhüten, abgesehen von weißen Hosen, kleiden sich noch heute die Schützen des Ackerbürger- und Bauernstädtchens Geseke. Das haarige Ding wackelt bedenklich, wenn der Tambourmajor den Stechschritt absolviert: Einzig der Chef des Tambourkorps trägt eine Mütze aus Bärenfell, die ein durch fliehender napoleonischer Soldat hier abgelegt haben soll.

Vielleicht ist er auch geblieben und Tanzlehrer in Geseke geworden; zu den schönsten (und erstaunlich schnell zu lernenden) Bräuchen des heimischen Schützenfestes gehört es, sonntags abends gemeinsam alte Tänze zu tanzen, die teils Quadrillen nachempfunden sind ("Kegel"), teils derben Bauernspielen ("Tampe") oder höfischem Zeremoniell - klassische Polonäsen. Gäste bekommen, learning by dancing, einen Schnellkursus verpasst. Neuer König und Hofstaat thronen derweil über der Szenerie, prosten sich zu, regieren ein wenig oder tanzen mit.

Kronkönig wird, wer dem Holzvogel die Krone vom Kopf holt. Hochrufe, einfacher Kanonenknall, Freibier! Das kann auch schon mal eine unerwartete Regentschaft werden - etwa, wenn einer der Honoratioren, die zu Anfang des Vogelschießens höflichkeitshalber auch mal dürfen, die Krone runterballert. So sollen es schon mal durchreisende Weihbischöfe zu Kronkönigen gebracht haben oder sogar Frauen, Vorjahresköniginnen etwa, allerlei Verwicklungen inklusive.

Zwischen 150 und 400 Schuss müssen auf das hölzerne Vogelwesen abgegeben werden, bevor alles entschieden ist. Die Kunst, einen Schützenvogel so zu modellieren, dass er gleichzeitig hart genug ist, um die Sache spannend zu machen, aber auch weich genug, um sie zu einem Abschluss zu bringen, der im Zeitrahmen bleibt - diese Kunst wird in den Städten und Dörfern meist von Schreinern beherrscht. Einige bevorzugen hartes Wurzelholz, andere weichere Materialien.

Während des Schießens draußen machen sich drinnen in der Schützenhalle viele, fast rituell, über "Großebohnen mit Speck" her, die als "Chrautebaunen" bestellt werden. Was daran erinnert, dass Plattdeutsch in dieser Gegend eine Halskrankheit sein kann. An den langen Theken in der Schützenhalle, vor den Bierbuden draußen, werden derweil Lagen um Lagen vertilgt. Bier ist fundamental, und das seit Anbeginn des Schützenwesens - und immer unter den missbilligenden Augen der Geistlichkeit. Kein Statut einer historischen Schützenbruderschaft, das nicht in mehreren Paragrafen den sorgfältigen Umgang mit Bier regelte: "Wer es auf Bänke und Tische verschüttet", heißt es in einer sauerländischen Chronik, "bezahlt 1/2 Mark. Und sollte sich zutragen, dass einer sich auswerfen müsste, selbiger soll mit vier Groschen bestraft werden."

Bevor es dazu kommt, gibt irgendeiner immer eine Runde aus, während der Kreis der Königsanwärter unter der Stange immer kleiner wird. Schließlich konkurrieren nur noch zwei oder drei Interessenten.

Beim Vogelschießen entscheidet viel Glück - und ein bisschen das Geschick des so genannten "Schießoffiziers". Der befindet zum Schluss über die Zusammensetzung des Bewerberkerns. Er lässt auch schon mal, wenn ein missliebiger Bewerber partout schießen will, eine Platzpatrone einführen, die unter erheblichem Getöse heiße Luft produziert. König ist schließlich, wer den Rest des Holzadlers von der Stange schießt. Jubelschreie, mehrfacher Kanonensalut, Hektoliter! Die Stadt hat ein neues Königspaar, und das muss gefeiert werden.

 
entnommen: "Berliner" Der Tagesspiegel vom 6. Mai 2000


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